Gesundheit / 27.02.2018

Endlich den Lebensstil ändern

Die Deutschen müssen sich mehr bewegen. Die Rentenversicherung kann dabei mit neuen Angeboten helfen. Aber es braucht noch mehr.

München (mjj). Es ist eine derart billige Binsenwahrheit, dass sie eigentlich keiner Aussprache bedarf: Bewegung und Sport sind gesund. Insofern klingt das Rahmenthema „Reha bewegt“ des diesjährigen Rehawissenschaftlichen Kolloquiums alles andere als spannend. Doch verfolgt man die Diskussionen, Reden und wissenschaftlichen Vorträge, wird schnell klar: Es fehlt nicht an der Erkenntnis, sondern an der Umsetzung. „Wir müssen vom Wissen zum Tun kommen“, wie es Dr. Rolf Buschmann-Steinhage von der Deutschen Rentenversicherung Bund zur Eröffnung der dreitägigen Konferenz formuliert.

Mehr Möglichkeiten zu helfen

Insofern ist die Rentenversicherung froh, dass der Gesetzgeber über das Flexirentengesetz ihr nun das Instrumentarium erweitert hat, Menschen nicht nur durch, sondern auch vor und nach einer Reha helfen zu können. „Drei Wochen in der Rehaklinik rufen noch keine Lebensstil-Änderung hervor“, gibt Gerhard Witthöft, Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd im Interview mit ihre-vorsorge.de zu bedenken. Den Auftrag durch noch mehr Nachsorge Menschen nachhaltig gesund und im Erwerbsleben zu halten, nehmen die Rentenversicherer mit Handkuss, wie es scheint. Gibt es doch den Drehtüreffekt gerade bei chronisch Kranken: Kaum frisch gestählt aus der Reha, verfallen zu viele Patienten wieder alten Verhaltensmustern und werden nach einiger Zeit wieder zum Reha-Fall.

Von der Reha möglichst direkt in die Nachsorge

Damit Versicherte erst gar kein Fall für die Reha werden, stampft die Rentenversicherung landauf und landab neue Präventionsangebote aus dem Boden. Versicherte mit ersten gesundheitlichen Problemen werden regelrecht gecoacht: Ernährung, Stressmanagement und Bewegung – alles kommt auf den Prüfstand. Doch eins wird in den Diskussionsrunden und Vorträgen auch klar: Nicht nur die Rentenversicherung muss sich bewegen, auch andere Leistungserbringer und nicht zuletzt auch die Versicherten selbst.

Und das Spektrum möglicher Leistungserbringer ist breit: Im Rahmen eines Förderprojekts im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit versuchten die Universitäten Heidelberg und Karlsruhe die Akteure der "Bewegungsförderung" zu analysieren und zu zählen. 128 Akteure landeten auf der Liste – vom Fitnessstudio bis zum Physiotherapeuten. Teilweise verschwimmen die Unterschiede in Professionen und Anwendungen. Die Szene sei intransparent und die Professionalisierungsgrade sehr unterschiedlich, merken Teilnehmer einer Podiumsdiskussion an.

Christof Lawall, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation (DEGEMED), sieht bei der Nachsorge viele Vorteile bei den Rehazentren verortet: „Die Infrastruktur ist gut, es gibt über 1.000 stationäre und ambulante Rehaeinerichtungen. Sie verfügen über die sozialmedizinische Kompetenz und oft besteht durch die Reha im Vorfeld ein Vertrauensverhältnis.“

Angebote nach der Reha an die Erfolge in der Reha anzuknüpfen gibt es genügend, was fehlt – so Stimmen aus dem Podium – ist die Vernetzung: Manche Patienten fallen in ein „Reha-Loch“. Zu lange müssen sie auf Kurse und Anwendungen warten. „Kurz nach der Reha ist der Patient am meisten motiviert sein Leben zu verändern – diesen Moment müssen wir nutzen“, fordert ein Diskussionsteilnehmer. 

"Das wichtigste sind Ziele"

Und da ist noch der Patient selbst, jenes bewegungsscheues Wesen, dass fasziniert dem Gold-Regen der Deutschen Olympioniken zuschaut, selbst den inneren Schweinehund nicht überwinden. Es war ein kluger Schachzug so kurz nach der Olympiade Verena Bentele als Rednerin zu gewinnen: Die heute Behindertenbeauftrage des Bundesregierung war einst umjubelte Skilangläuferin, holte bei vier Paralympics gleich 12 Goldmedallien.

Was wenige wissen: Nach einem schweren Sturz musste die ehrgeizige Sportlerin selbst in die Reha. Ein gerissenes Kreuzband sowie schweren Verletzungen an Leber und Niere zwangen sie zur Pause. Sie habe viel gelernt in dieser Zeit sagt sie – etwa, dass es Mut brauche, um offen auszusprechen, dass man Hilfe braucht oder dass man ein professionelles Team um sich braucht. „Das wichtigste sind aber Ziele“, sagte Bentele. Dies könnten auch neue Ziele sein, denn Reha bedeute die Möglichkeit die Gesundheit wieder herzustellen – oder neue Möglichkeiten zu entdecken.

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Autor

Michael J. John