Rente / 18.12.2019

Erwerbsminderungsrenten

Mehr als nur Altersrenten: Die Rentenversicherung zahlt auch Renten an Menschen, die nicht mehr arbeiten können.

Bild zum Thema Erwerbsminderungsrente: Junger Mann im Rollstuhl bei der Physiotherapie in einem Kraftraum.

Wer nicht mehr oder nur noch wenig arbeiten kann, erhält eine Erwerbsminderungsrente. Doch vorher schöpft die Deutsche Rentenversicherung alle Möglichkeiten aus, Betroffene wieder zurück in Lohn und Brot zu bringen. Was das bedeutet und warum die Zahlbeträge in der Erwerbsminderungsrente seit einigen Jahren steigen, erklärt Wolf-Dieter Burde von der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover.

Die Erwerbsminderungsrente ist eigentlich das letzte Mittel, um kranken Versicherten zu helfen, oder?

Wolf-Dieter Burde: Ja. Bevor wir eine Erwerbsminderungsrente zahlen, versuchen wir unseren Versicherten zu helfen. Sie erhalten eine Reha mit dem Ziel, dass sie wieder gesund werden oder sich ihre Leiden so bessern, dass sie wieder arbeiten können. Klappt das nicht, gibt es die so genannten Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben: Wir finanzieren zum Beispiel Umschulungen, ein behindertengerechtes Fahrzeug oder geeignete Arbeitsmittel, die das Arbeiten wieder ermöglichen. Auch die Arbeitgeber können Unterstützungen bekommen, damit sie ihre Mitarbeiter weiter beschäftigen – trotz gesundheitlicher Einschränkungen.

Es geht der Rentenversicherung also darum, Arbeitsplätze zu bewahren?

Wolf-Dieter Burde: Es geht uns auch um die Teilhabe am Leben insgesamt. Wenn es Menschen besser geht, wirkt sich das auch auf ihr Privatleben aus. Arbeit, Familie, Freundeskreis – das lässt sich ja nicht trennen. Eine Arbeit bedeutet auch unter Kollegen zu sein, Anerkennung, im Leben stehen. Es ist nicht Ziel, die Erwerbsminderungsrente einzusparen, wir wollen tatsächlich für das gesamte Leben des Versicherten das Beste erreichen.

Einige Betroffenen sehen es aber genauso: Die DRV tut alles, damit sie keine Erwerbsminderungsrente zahlen muss.

Wolf-Dieter Burde: Nein, wir sind sicher, dass Arbeiten Teilhabe am Leben bedeutet. Aber klar ist auch, dass es bei der Erwerbsminderungsrente um sehr viel Geld geht: 2018 zahlte die Deutsche Rentenversicherung über 18 Milliarden Euro für Erwerbsminderungsrenten. Die Renten werden ja vor allem durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer über ihre Beiträge finanziert. Wir müssen wirtschaftlich mit diesen Beiträgen umgehen.

Und für die Betroffenen ist es „wirtschaftlicher“ eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten als Hartz 4?

Wolf-Dieter Burde: Das stimmt. Das liegt an der Berechnung: Bei der Rentenversicherung wird nicht gerechnet, wie hoch der Bedarf des Betroffenen ist, sondern nach Beitragszeiten. Dabei wird die Erwerbsminderungsrente nicht nur auf Basis der bisher gezahlten Beiträge ermittelt, sondern quasi so getan, als wenn die Menschen bis zur normalen Altersgrenze weiter gearbeitet hätten. Derzeit liegt die Altersgrenze bei 65 Jahren und acht Monaten. Dabei können bei gut verdienenden Arbeitnehmern Beträge von über 1.000 Euro pro Monat zustande kommen. Das ist in der Regel erheblich mehr als das, was im Rahmen von Hartz 4 gezahlt wird.

Und was ist mit den Auszubildenden, die haben ja noch nicht so gut verdient?

Wolf-Dieter Burde: Die profitieren gleich von zwei Sonderregeln: Um eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten, muss man eine Wartezeit von fünf Jahren erfüllen – eigentlich: Denn wer noch in der Ausbildung ist, ist bereits nach dem ersten Arbeitstag geschützt, was Arbeitsunfälle betrifft. Im zweiten Jahr gilt der Schutz dann auch für Freizeitunfälle oder Krankheiten. Zweitens berechnen wir die Erwerbsminderungsrente nicht auf Basis der bis dato noch sehr geringen Ausbildungsvergütung, sondern auf Basis des typischen Entgelts im erlernten Beruf. Dadurch sind Auszubildende im Prinzip gleichgestellt mit ihren älteren Kollegen.

Uns fiel auch auf, dass die Zahlbeträge bei der Erwerbsminderungsrente seit 2003 stark gestiegen sind. Wie kommt das?

Wolf-Dieter Burde: Stimmt, das liegt an den Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente. Früher endete die Zurechnungszeit – das ist die Zeit, bis zu der die Rente hochgerechnet wird – schon bei 60 Jahren. Die Politik hatte erkannt, dass viele Bezieher einer Erwerbsminderungsrente unter die Armutsgrenze rutschten und Grundsicherung im Alter beantragen mussten. Entsprechend hat man gehandelt und die Zurechnungszeit erhöht.

Schön für die Rentner.

Wolf-Dieter Burde: Ja, aber auch gerecht. Wer arbeitet, bei der Rentenversicherung versichert ist und entsprechend Beiträge gezahlt hat, soll besser gestellt sein als jemand, der gar nicht arbeitet und keine Beiträge einzahlt.

Spielt bei der Steigerung der Erwerbsminderungsrenten auch die wirtschaftliche Entwicklung eine Rolle?

Wolf-Dieter Burde: Wenn Löhne und Gehälter steigen, steigen in den Folgejahren auch die Renten. Und zu den Renten gehören natürlich auch die der Erwerbsgeminderten. Lange war man der Meinung, dass die gesetzliche Rentenversicherung Probleme bekommt, weil es demografisch immer weniger junge Menschen gibt, die in die Rentenkasse einzahlen. Derzeit steigt aber die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung Jahr für Jahr. Das heißt, obwohl weniger Kinder geboren wurden, sind heute mehr Menschen beschäftigt, als noch vor 20 oder 30 Jahren.

Zudem ist die junge Generation gefragt: Im Angesicht des Fachkräftemangels wird gut bezahlt. Weil sich die Beiträge am Gehalt bemessen, ist das eine gute Nachricht für alle Rentner – auch die Bezieher einer Erwerbsminderungsrente.

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Autor

Michael J. John