Rente / 03.01.2019

Experten-Streit um Angst vor Altersarmut

Sozialbeirats-Chef Wagner hält Sorge für unbegründet, Paritätischer Wohlfahrtsverband für "mehr als begründet".

Prof. Dr. Gert. G. Wagner, Vorsitzender des Sozialbeirats – Bild: DIW Berlin © Detlef Güthenke

Berlin (sth). Kaum hat das neue Jahr begonnen, geht die Debatte um berechtigte oder übertriebene Angst vor künftiger Altersarmut in eine neue Runde. Während der Rentenexperte und Vorsitzende des Sozialbeirats der Bundesregierung, Prof. Gert G. Wagner, am Mittwoch in einem Zeitungsinterview die Sorge von Bundesbürgern vor unzureichender Absicherung im Alter für unbegründet erklärte, nannte der paritätische Gesamtverband eine solche Furcht "mehr als begründet".

Angesichts der Diskussionen um die Rente sei die Skepsis der Menschen zwar nachvollziehbar, sagte Wagner dem Tagesspiegel (Donnerstagausgabe). Aus seiner Sicht ist aber auch klar: "Die meisten werden keine Einkommensprobleme im Alter haben." Wagner reagierte mit seiner Äußerung auf die Ergebnisse einer Umfrage der Beratungsgesellschaft EY, nach der sich 56 Prozent der Bundesbürger um ihren sinkenden Lebensstandard sorgen.

Die gesetzliche Rente habe noch nie 100 Prozent abgedeckt, gibt der am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) tätige Experte zu bedenken. Bereits frühere Rentnergenerationen hätten ihren Lebensstandard nicht allein von der Rente halten können. Auch heute sei es so, dass es für den, der keine private oder betriebliche Altersvorsorge habe und auch keine Immobilie besitze, "knapp werden kann", räumt Wagner ein.

Besonders schwierig sei die Lage für Paare in Ostdeutschland, wenn beide Partner nach der Wende für lange Zeit arbeitslos geworden seien, so Wagner. "Auch viele gering qualifizierte Menschen, die den körperlichen Anforderungen im Beruf nicht mehr gewachsen waren und in den letzten 15 Jahren eine Erwerbsminderungsrente bekommen haben, sind armutsgefährdet", sagte der Rentenexperte.  

Wohlfahrtsverband verweist auf Armutsbericht

Dagegen nannte der Paritätische Gesamtverband die gestiegene Angst der Deutschen, im Alter zu verarmen, unter Verweis auf seinen aktuellen Armutsbericht "mehr als begründet". Um Altersarmut wirksam zu bekämpfen, sei eine Anhebung des Rentenniveaus von derzeit rund 48 Prozent auf das frühere Niveau von 53 Prozent und eine Erhöhung der Regelsätze in der Altersgrundsicherung von 424 Euro auf 628 Euro nötig, so der Sozialverband. Nach seinem Armutsbericht sind ein Viertel der erwachsenen Armen in Deutschland in Rente oder Pension. Damit stellten Rentner und Pensionäre hinter den Erwerbstätigen die zweitgrößte Gruppe armer Menschen in Deutschland dar.

Nach Einschätzung des Paritätischen wird die Altersarmut geradezu "zwangsläufig" weiter zunehmen, wenn nicht umgehend politisch gegengesteuert wird. "In den nächsten Jahren werden viele Langzeitarbeitslose und Menschen aus dem Niedriglohnsektor ins Rentenalter kommen. Für viele von ihnen ist der Weg in die Altersarmut vorprogrammiert", warnte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. "Angesichts der vorliegenden Daten gibt es keinerlei Entschuldigung mehr für ein Nichtstun oder für Unzulänglichkeiten in der Bekämpfung von Armut im Alter und bei Erwerbstätigen", so Schneider.

Die aktuellen Neuregelungen bei den Erwerbsminderungsrenten und der so genannten Mütterrente stellten zwar Verbesserungen dar, reichen aber aus Sicht des Verbandes bei weitem nicht aus, um dem Problem gerecht zu werden und Altersarmut wirksam zu vermeiden. Eine erfolgreiche Gesamtstrategie müsse bereits im Erwerbsleben ansetzen und insbesondere die gesetzliche Rentenversicherung stärken, fordert der Paritätische. Zudem müsse der Mindestlohn auf 12,63 Euro pro Stunde angehoben, die Riester-Förderung gestrichen und die Altersgrundsicherung umfassend reformiert werden.

Mehr zum Thema:

www.deutsche-rentenversicherung.de

Link zu den Ergebnissen einer Studie über die erwartete Entwicklung von Altersarmut im Auftrag des Forschungsnetzwerks Alterssicherung (FNA) bei der Deutschen Rentenversicherung

www.der-paritaetische.de

Link zum Armutsbericht 2018 des "Paritätischen" 

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Autor

Stefan Thissen