Rente / 09.11.2017

Fast jeder Fünfte ab 65 von Armut bedroht

Amtliche Statistik und Alterssicherungsbericht: 14 Prozent älterer Grundsicherungsempfänger haben keine weiteren Einkünfte.

Wiesbaden (sth). Diese Zahlen sorgten am Mittwoch bundesweit für Aufsehen: 16 Millionen Menschen in Deutschland waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2016 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das waren fast 20 Prozent der Bevölkerung – rund 21,2 Prozent bei den Frauen und etwa 18,1 Prozent der Männer. Als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht gilt laut den amtlichen Statistikern ein Mensch, auf den mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: Sein Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze, sein Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder er lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

Auch für die Altersgruppe der über 65-Jährigen sind die Daten nur geringfügig niedriger. 18,3 Prozent der Seniorinnen und Senioren lebten den Angaben zufolge im vergangenen Jahr im armutsgefährdeten Bereich – entweder in einem Haushalt mit Einkünften unter der Armutsgefährdungsgrenze (17,6 Prozent) oder sie waren von erheblicher Entbehrung betroffen (2,7 Prozent). Doch was haben diese auf den ersten Blick erschreckend wirkenden Zahlen zu bedeuten? Der im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichte Alterssicherungsbericht 2016 der Bundesregierung bringt ein wenig Licht ins Dunkel.      

Aspekte von Altersarmut

"Ob ein niedriges Einkommen mehr oder weniger stark als Armut empfunden wird, hängt von den individuellen Lebensumständen ab und ist nicht unbedingt Ausdruck von Bedürftigkeit." Diese Feststellung des Alterssicherungsberichts wird damit erläutert, dass der Lebensunterhalt im Alter nicht nur über regelmäßige Zahlungen, sondern zum Beispiel auch über Vermögensverzehr, Sachleistungen oder auf andere Weise sichergestellt werden kann. "Auch die individuell verschiedenen Kosten der Unterkunft sind in diesem Kontext zu bedenken", heißt es im Regierungsbericht.

Generell lässt sich aus der umfangreichen Untersuchung entnehmen, dass Frauen und Männer im untersten Einkommens-Zehntel im Alter ähnlich stark vertreten sind wie im Schnitt der neun darüber liegenden Einkommensklassen, das heißt die betroffene Personengruppe weicht im Größenvergleich kaum von den anderen Einkommensklassen ab. Auffällig ist dagegen, dass Rentnerinnen und Rentner mit geringen Alterseinkünften im Berufsleben seltener eine qualifizierte Tätigkeit als Arbeiter oder Angestellter ausübten als gut ausgebildete Senioren. Zudem fällt der hohe Anteil der ehemals Selbstständigen in der Gruppe der Menschen mit niedrigem Alterseinkommen auf (30 Prozent gegenüber durchschnittlich 10 Prozent).          

Niedrige Rente oft wegen geringer Versicherungszeit

Insgesamt bezogen Ende 2015 laut Alterssicherungsbericht "nur gut drei Prozent der Bevölkerung im Alter ab 65 Jahren Grundsicherungsleistungen", darunter Menschen in den alten Bundesländern häufiger als im Osten Deutschlands und Frauen häufiger als Männer. Die bedeutendste Einkommensquelle neben der staatlichen Grundsicherung waren für Senioren im untersten Einkommens-Zehntel demnach Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung (82 Prozent; über alle Einkommensklassen hinweg im Schnitt 91 Prozent). Immerhin rund 14 Prozent der Grundsicherungsempfänger im Alter verfügten aber "über keinerlei eigene anrechenbare Einkünfte". 

Für die meisten Rentenexperten ist dies ein Hinweis darauf, dass die Betroffenen in ihrer Erwerbsphase nur wenige Rentenansprüche sammeln konnten – und die Rentenversicherung deshalb zur Armutsvermeidung bei diesen Menschen nicht beitragen konnte. 

Mehr zum Thema:

www.destatis.de

Link zu den aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts über Armutsgefährdung in Deutschland 

www.bmas.de

Link zum Alterssicherungsbericht 2016 der Bundesregierung (im pdf-Format)

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Autor

Stefan Thissen