Rente / 12.04.2019

"Festes Rentenalter ist kultureller Irrtum"

Ex-Sozialminister Franz Müntefering verteidigt die Rente mit 67 – und fordert mehr Ermutigung für Engagement im Alter.

Bild zum Thema: Festes Rentenalter ist kultureller Irrtum. Es zeigt Franz Müntefering

Franz Müntefering, ehem. SPD-Vorsitzender und Bundessozialminister

Berlin (dpa). Ältere Menschen sollten nach Ansicht des Wegbereiters der Rente mit 67, Franz Müntefering, stärker zu Engagement und Beschäftigung über das Rentenalter hinaus ermutigt werden. Die Rente mit 67 verteidigte der frühere SPD-Sozialminister gegen Kritik – und gegen Forderungen nach noch längerem Arbeiten. Grundsätzlich sei das einheitliche Renteneintrittsalter aber "ein kultureller Irrtum", sagte der 79-Jährige der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Die Menschen dürfen nicht den Eindruck haben, dass man sie nicht mehr braucht", so Müntefering.

Knapp die Hälfte der Menschen im Rentenalter (46 Prozent) empfinden sich für ihre bisherige Lebensleistung von der Gesellschaft nicht ausreichend respektiert, wie eine Umfrage des Instituts INSA im Auftrag der "Bild"-Zeitung ergab. Jeder zweite Rentner ist zudem mit der Rentenpolitik der Bundesregierung nicht zufrieden. Wie es künftig mit der Rente weitergeht, ist derzeit Gegenstand von Beratungen einer Rentenkommission der Regierung, die im März 2020 ihren Bericht vorlegen will. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will auf dieser Basis noch in der laufenden Wahlperiode erste Schritte zur dauerhaften Sicherung der Rente einleiten.

Müntefering gegen Koppelung des Rentenalters an Lebenserwartung

Angesichts des demografischen Drucks auf die Rente wird derzeit auch immer wieder debattiert, das Rentenalter an die im Schnitt längere Lebensdauer zu koppeln. So hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag im "Bild"-Talk gesagt, "dass wenn wir länger leben werden, wir auch länger arbeiten werden müssen".

Müntefering hielt dem entgegen: "An der Rente mit 67 würde ich im Moment nichts mehr verändern." Solche Forderungen ließen außer Betracht, dass die Menschen verschieden seien und unterschiedlich lange arbeiten könnten. Als Sozialminister der ersten großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte der SPD-Politiker die Anhebung des Rentenalters auf den Weg gebracht.

"Für die Rente 67 habe ich damals viel Kritik bekommen, auch heute noch von manchen", sagte Müntefering. "Aber es war aus meiner Sicht ein richtiger und mutiger Schritt." Denn man müsse "die lange Strecke sehen" und bei der Rente unterschiedliche Interessen der Generationen berücksichtigen.

"Einheitliches Rentenalter ist eine Fiktion"

Als "Fiktion" jenseits der realen Lebensumstände von Millionen Menschen betrachtet Müntefering aber das einheitliche Rentenalter. "Bevor es die Rente gab, gab es auch kein Renteneintrittsalter", sagte er. "Da musste jeder seinen Teil beitragen, solange er lebte. Indem er die Kinder betreute, Kartoffeln schälte, Unkraut rupfte oder das Vieh wieder hereinbrachte." Heute habe sich die Annahme breitgemacht, dass es einen bestimmten Tag gibt, an dem man ausscheiden müsse. "Aber die Leistungsfähigkeit der Menschen ist unterschiedlich, die Belastungen durch die Arbeitsbedingungen sind es auch." Realistisch sei hingegen "eine Renteneintrittsphase, die dies gerecht berücksichtigt".

Tatsächlich gehen die Bundesbürger faktisch immer später in Rente. Wie aus dem dritten Regierungsbericht zur Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre hervorgeht, waren 2017 immerhin 58 Prozent der 60- bis 64-Jährigen erwerbstätig - im Jahr 2000 waren es nur rund 20 Prozent. Mit der Flexirente der vergangenen Regierung können die Menschen schon mit 63 in Rente gehen und durch Ausgleichszahlungen Abschläge vermeiden.

Mehr zum Thema:

www.bmas.de

Dritter Bericht der Bundesregierung zur Anhebung der Regelaltersgrenze (im pdf-Format)

Autor

 Deutsche Presseagentur