Rente / 28.12.2017

"Gefahr durch sinkendes Rentenniveau"

WSI: Rente von Durchschnittsverdienern künftig nur noch knapp über der Grundsicherung.

Düsseldorf (wsi/sth). Wenn das Rentenniveau weiter wie gesetzlich vorgesehen sinkt, wird es auch für qualifizierte Beschäftigte mit mittlerem Einkommen schwieriger, sich eine gesetzliche Rente deutlich oberhalb der Grundsicherungs- oder der Armutsgefährdungsschwelle zu erarbeiten. Das gilt vor allem für Arbeitnehmer, die nicht die für die Ermittlung des Rentenniveaus zugrunde gelegten 45 Beitragsjahre mit Durchschnittsverdienst erreichen. Das geht aus Modellrechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hervor (siehe auch Link unten).

Das WSI unterlegt seine These mit mehreren Beispielberechnungen, darunter diese:

  • Beim aktuellen Rentenniveau (rund 48 Prozent, gemessen am Durchschnittsentgelt) erhält eine Person, die als Alten- oder Krankenpfleger/in nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes bezahlt wird, nach gut 25 Beitragsjahren eine Rente, die höher ist als die Grundsicherung im Alter. Würde heute dagegen bereits das für das Jahr 2045 prognostizierte Rentenniveau von knapp unter 42 Prozent gelten, hätte die Pflegerin / der Pfleger erst nach rund 29 Beitragsjahren einen Rentenanspruch oberhalb der Grundsicherung, die 2015 bei durchschnittlich 747 Euro im Monat lag.
  • Ein Rentner mit 45 Beitragsjahren in Vollzeit muss beim aktuellen Rentenniveau im Durchschnitt 11,42 Euro pro Stunde brutto verdienen, um die Grundsicherungsschwelle zu überschreiten. Gälte schon das für 2045 prognostizierte Rentenniveau, wären dafür mindestens 13,06 Euro nötig. Bei 35 Beitragsjahren in Vollzeit stiege der notwendige Stundenlohn von aktuell 14,68 Euro auf 16,79 Euro.
  • Soll die gesetzliche Rente über der Armutsgefährdungsschwelle liegen, die nach den neuesten vorliegenden Daten von 2015 bei 942 Euro Monatseinkommen für einen Alleinstehenden liegt, fallen die notwendigen Stundenlöhne noch deutlich höher aus: Nach heutigem Stand und bei 45 Beitragsjahren in Vollzeit müssen im Durchschnitt 14,40 Euro verdient werden. Beim Rentenniveau des Jahres 2045 wären es 16,47 Euro. Rechnet man mit 40 Beitragsjahren in Vollzeit, betragen die nötigen Stundenlöhne sogar 16,20 bzw. 18,53 Euro.

"Stabilisierung des Rentenniveaus dringend geboten"

„Eine Stabilisierung oder Anhebung des Rentenniveaus ist dringend geboten, um für alle Einkommensgruppen die Lohnersatzfunktion der Renten und damit die Legitimität der Rentenversicherung sicherzustellen“, schreibt WSI-AlterssicherungsexperteFlorian Blank in seiner Studie. Beides sei akut gefährdet, wenn langjähriger Beitragszahlung keine gesetzliche Rente deutlich über Grundsicherungsniveau oder Armutsgrenze gegenüberstehe. Damit würde die nach wie vor tragende Säule des deutschen Alterssicherungssystems "weiter beschädigt", so das WSI.

Blanks Untersuchung zeigt dem gewerkschaftsnahen Institut zufolge auch, dass qualifizierte Beschäftigung zu Tariflöhnen beim aktuellen Rentenniveau einen verlässlichen Schutz vor Altersarmut bieten kann – eine lange Erwerbsbiografie vorausgesetzt. Das gelte vor allem in Bereichen wie der Industrie oder dem Öffentlichen Dienst. Viele Mindestlöhne wie auch der gesetzliche Mindestlohn seien aber zu niedrig, um damit auf eine gesetzliche Rente über dem Grundsicherungsniveau zu kommen – "selbst bei ununterbrochener, 45jähriger Vollzeittätigkeit", betont Blank.

"Bei Mindestlohn 60 Arbeitsjahre erforderlich"

So müsse eine Person, die zum gesetzlichen Mindestlohn beschäftigt wird, dafür beim heutigen Rentenniveau gut 60 Jahre arbeiten, schreibt das WSI. Mit dem vom Bundessozialministerium prognostizierten Rentenniveau für Jahr 2045 von knapp unter 42 Prozent wären "sogar mehr als 69 Beitragsjahre nötig". Wer den Branchenmindestlohn für Pflegerinnen und Pfleger erhalte, brauche beim aktuellen Rentenniveau von gut 48 Prozent 55 Arbeitsjahre, mit dem erwarteten Niveau des Jahres 2045 seien mehr als 62 Beitragsjahre erforderlich.

„Das Rentenniveau zu stabilisieren oder anzuheben ist kein Instrument zur Bekämpfung von Altersarmut bei Niedrigverdiensten oder stark fragmentierten Erwerbsverläufen“, betont WSI-Forscher Blank. „Entsprechende Reformen würden aber verhindern, dass sich immer mehr Menschen, für die das bislang kein Thema ist, um ihren Lebensstandard im Alter Sorgen machen müssen.“ Den Kreis der von Altersarmut Bedrohten nicht größer werden zu lassen, würde in einem zweiten Schritt auch eine zielgenaue Unterstützung von Risikogruppen erleichtern, argumentiert Blank.

Mehr zum Thema:

www.boeckler.de

Link zur WSI-Studie "Das Rentenniveau in der Diskussion" (im pdf-Format)

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Autor

Stefan Thissen