Gesundheit / 05.06.2019

Gewürze: Heilkraut statt Geschmacksträger

Thymian in die Nudelsoße, schon ist die Erkältung weg? Ganz so einfach ist es leider nicht, sagen Experten – im Gegenteil.

Bild zum Thema: Gewürze: Heilkraut statt Geschmacksträger. Es zeigt eine Tasse und eine Kanne voll Tee.

Bamberg/Bonn (dpa/tmn). Sie sind gut für die Verdauung. Sie verbessern die Stimmung. Sie stoppen Depressionen. Und manchmal den Krebs. Glaubt man diesen einschlägigen Heilsversprechen, im Internet und anderswo, dann ist das Gewürzregal eine kleine Apotheke. Denn vielen Gewürzen und Kräutern werden Auswirkungen auf die Gesundheit nachgesagt – darunter Allerweltspflanzen wie die Petersilie, aber auch Exoten wie Kurkuma.

Gewürze waren früher eher wegen ihrer vermeintlichen Heilkraft bekannt

Doch stimmt das überhaupt? Ja, teilweise – doch es gibt ein "Aber". Denn viele Gewürze haben zwar Inhaltsstoffe mit gesundheitlicher Wirkung, sagt Autorin und Gewürz-Expertin Manuela Mahn. "Erfahrungen mit Gewürzen und ihrer Heilkraft gibt es schon seit hunderten oder tausenden von Jahren, entsprechende Aufzeichnungen finden sie schon bei altgriechischen Ärzten."

Tatsächlich waren Gewürze früher in der breiten Bevölkerung gar nicht so sehr wegen dem Geschmack interessant, sagt Mahn – sondern eher wegen ihrer vermeintlichen Heilkraft. "Die Frage ist nun, wie wir diese Erfahrungswerte heute wissenschaftlich gegenprüfen können." Und da wird es knifflig.

Es gibt auch kompliziertere Fälle

Denn es gibt zwar Gewürze, deren heilende Wirkung nachgewiesen ist, erklärt die Expertin. "Thymian zum Beispiel hat eine antivirale Wirkung, Thymiansirup ist deshalb als traditionelles, pflanzliches Arzneimittel anerkannt." Wobei die Wirkung von ein wenig Thymian-Pulver im Essen natürlich geringer ist als die von entsprechenden Kapseln oder Arznei-Tees aus der Apotheke.

Doch es gibt auch kompliziertere Fälle. Bestes Beispiel dafür ist Kurkuma, aktueller Dreh- und Angelpunkt vieler Diskussionen um Gewürze und ihre Heilkraft. "Kurkuma zeigt eine anti-entzündliche Wirkung und kann in gewissen Mengen auch als Detox-Gewürz zur Entlastung der Leber funktionieren", sagt Mahn.

Ein Kraut oder ein Gewürz ist kein Medikament

Doch vieles, was Kurkuma darüber hinaus nachgesagt wird, ist noch längst nicht zu Ende erforscht. Erste Ergebnisse aus Studien würden da in den Medien oft zu verkürzt dargestellt, klagt Mahn. "Dass Kurkuma gegen gewisse Krebsarten hilft, zum Beispiel." Im schlimmsten Fall werden bei Betroffenen so Hoffnungen geweckt, die das Gewürz vielleicht gar nicht einhalten kann.

Und selbst bei nachgewiesener Wirkung gilt immer: Ein Kraut oder ein Gewürz ist kein Medikament. Und das ist nicht nur eine Frage des Begriffs, sagt Mahn. "Gewürze sind nicht standardisierbar – es gibt Ernten in unterschiedlicher Qualität, klimatische Einflüsse, die Bodenqualität spielt eine Rolle und so weiter."

Aufnahme im Körper ist ein Problem

Auch die Aufnahme im Körper ist ein Problem: Bei Medikamenten gibt es magensaftresistente Kapseln und andere Tricks, die garantieren sollen, dass ein Wirkstoff auch da ankommt, wo er wirken soll. Das ist beim Essen anders. "Wenn sie zum Beispiel eine entzündliche Darmkrankheit haben, kommt dort vielleicht noch viel an", sagt Jan Frank, Professor am Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Hohenheim. "Wenn die Entzündung aber im Knie sitzt, dann muss der Wirkstoff zuerst im Darm aufgenommen und über die Leber und das Blut zum Knie transportiert werden, wo dann nur noch wenig ankommt."

Ernährung dient nicht der Therapie

Sind heilende Gewürze also Hokuspokus? Das dann wieder nicht, sagt Manuela Mahn: "Wo Gewürze oft eine gute Wirkung haben, ist bei alltäglichen Befindlichkeitsstörungen – Anis, Kümmel und Fenchel bei Verdauungsbeschwerden zum Beispiel, oder Ingwer als Reisemedizin gegen Übelkeit."

Und auch bei ernsthaften Krankheiten sieht Ernährungsexperte Frank durchaus einen Platz für Kraut und Co. – mit einer gewichtigen Einschränkung: "Ernährung dient nicht der Therapie, sondern der Erhaltung der Gesundheit und Prävention von Krankheiten", sagt er. "Wobei es im Fall einer Krankheit natürlich sinnvoll sein kann, die Ernährung zu modifizieren, um die Heilung zu unterstützen."

Professionellen Beratung vor Ernährungsumstellungen

Wer häufig mit entsprechenden Erkrankungen und Beschwerden zu kämpfen hat, kann zum Beispiel generell anti-entzündlich essen. Passende Gewürze dafür wären etwa Kurkuma, Thymian und Ingwer. Der Teufel steckt hier aber im Detail: Die Wirkstoffe im Kurkuma kann der Körper zum Beispiel oft gar nicht verstoffwechseln, sagt Mahn.

Zudem ist das Curcumin fett- und nicht wasserlöslich, warnt Frank. Das Gewürz als Tee ohne fettreiche Zusätze zu konsumieren, ist daher wenig sinnvoll. Zudem können auch Kräuter und Gewürze eine unerwünschte Wirkung haben. Zu viel Safran ist zum Beispiel nicht gut für den Menschen, genau wie zu viel Muskatnuss. Und: "Wenn ich Gallensteine habe, sollte ich zum Beispiel nicht zu scharf essen, dann also eher keinen oder nur wenig Ingwer", sagt Gabriele Kaufmann vom Bundeszentrum für Ernährung. Sie rät bei Ernährungsumstellungen generell zu einer professionellen Beratung – unter anderem, um solche Stolperfallen zu vermeiden

Dafür braucht man einen langen Atem

Der Ernährungsberater kann dann auch gleich erklären, dass selbst von einer konsequenten Ernährungsumstellung keine sofortige Wunderheilung zu erwarten ist. Das gilt immer, aber gerade bei Kräutern und Gewürzen. "Gewürze beziehungsweise die Inhaltsstoffe wirken erst nach einiger Zeit, oft erst nach Wochen", sagt Mahn. "Man muss da mit einem langen Atem herangehen."

Und man darf nicht glauben, dass es damit getan ist: "Ich kann ein gutes Gefühl haben, wenn ich an die positiven Eigenschaften von Kräutern und Gewürzen denke", sagt Kaufmann. "Ich darf aber nicht glauben, dass ihr Verzehr generell eine gesunde und ausgewogene Ernährung und einen entsprechenden Lebensstil ersetzt."

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst