Soziales / 20.11.2020

„Größte gemessene Armut seit der Wiedervereinigung“

Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisiert das gestiegene Armutsrisiko – und benennt Deutschlands „Problemregion Nummer 1“.

Frau durchsucht Müll – Bildnachweis: shutterstock.com © Roman023_photography

Berlin (dpa). Der Paritätische Wohlfahrtsverband befürchtet eine Verschärfung von Armut und sozialer Ungleichheit durch die Corona-Krise und fordert eine Anhebung der finanziellen Unterstützungsleistungen für arme Menschen.

In seinem „Armutsbericht 2020“ verweist der Verband auf die gestiegene Armutsgefährdungsquote in Deutschland. Nach bereits im August veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes stieg diese im vergangenen Jahr auf 15,9 Prozent. Es handele sich um die „größte gemessene Armut seit der Wiedervereinigung“, heißt es im Bericht des Paritätischen. 2018 lag die Quote noch bei 15,5 Prozent.

„Schwächen des Sozialsystems treten noch deutlicher zutage“

Der Verband warnte vor einer Verschärfung der Armut durch die Corona-Pandemie. Besonders betroffen seien geringfügig Beschäftigte und junge Menschen. „Eine zunehmende Zahl von Erwerbslosen stößt auf ein soziales Sicherungssystem, das bereits vor Corona nicht vor Armut schützte und dessen Schwächen nun noch deutlicher zutage treten“, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Er forderte unter anderem eine Anhebung der Hartz-4-Sätze und die Einführung einer Kindergrundsicherung.

Problemregionen Bremen und Ruhrgebiet

Für seinen Bericht hat der Paritätische unter anderem untersucht, wie sich Armut regional in Deutschland verteilt. Die Unterschiede sind weiterhin groß: Im Süden rund um München liegen die Regionen mit den niedrigsten Armutsquoten. Die meiste Armut gemessen an der Einwohnerzahl gibt es in und um Bremen und Bremerhaven (24,9 Prozent). Den stärksten Zuwachs verzeichnete den Daten zufolge Hessen mit 34,2 Prozent.

Als „armutspolitische Problemregion Nummer 1“ bezeichnete Schneider aber das Ruhrgebiet mit seiner hohen Bevölkerungsdichte und gleichzeitig hohen Armutsquote.

Armut wird in reichen Ländern wie Deutschland nicht über direkte Not, wie Hunger oder Obdachlosigkeit definiert, sondern über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe. Die Armutsgefährdungsquote gibt dabei den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Bei einem Einpersonenhaushalt lag diese Grenze in Deutschland im vergangenen Jahr bei 1074 Euro im Monat.

Autor

 Deutsche Presseagentur