Gesundheit / 03.09.2021

Hilfe bei Reizdarm: So funktioniert die Darmhypnose

Wenn der Magen-Darm-Trakt verrückt spielt, hilft in manchen Fällen eine Hypnose. Was dahintersteckt.

Hilfe bei Reizdarm: So funktioniert die Darmhypnose. – Arzt untersucht älteren Mann am Unterbauch.

Gauting (dpa/tmn). Anhaltende Blähungen, krampfartige Bauchschmerzen, quälende Verstopfung: Bei manchen Menschen ist der Magen-Darm-Trakt in Aufruhr. Was die Lebensqualität stark mindern kann – vor allem, wenn der Zustand andauert.

Mitunter ergeben die ärztlichen Untersuchungen keinen organischen Befund für die Beschwerden. Reizdarmsyndrom lautet dann oft die Diagnose. Zwischen vier und zehn Prozent der Menschen in Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) davon betroffen.

„Was in solchen Fällen erwiesenermaßen hilft, ist Darmhypnose“, sagt Prof. Martin Storr, Gastroenterologe am Internistenzentrum Gauting-Starnberg. In nationalen wie internationalen Leitlinien wird sie als eine mögliche Therapie bei einem Reizdarmsyndrom empfohlen.

Psyche schlägt auf den Magen

Oft sind es psychische Belastungen durch private oder berufliche Konflikte, Traumata oder einfach Stress, die sich belastend auf den Magen-Darm-Trakt auswirken. Eine entscheidende Rolle spielen hier die Nervenzellen in der Darmwand, Bauchhirn genannt. Beim Reizdarmsyndrom ist die sogenannte Darm-Hirn-Achse nachhaltig gestört – also die wechselseitige Interaktion von Darm und Gehirn.

An dieser Achse setzt die Darmhypnose an. „Sie bearbeitet dort fehlerhafte Verknüpfungen wie unpassende Reflexantworten und lenkt nach und nach alles wieder in die richtigen Bahnen“, erklärt Storr. Seinen Angaben nach ist die Darmhypnose die derzeit einzige bekannte Therapie, die nicht nur bei den Beschwerden, sondern bei den Ursachen ansetzt. „Damit lassen sich Reizdarmbeschwerden deutlich bessern und auch langfristig kontrollieren“, ist Storr überzeugt.

Was bei der Darmhypnose passiert

Bei einer Darmhypnose kann man sich von spezialisierten Therapeutinnen und Therapeuten anleiten lassen. „Das Verfahren ist mithilfe von Audioprogrammen aber auch zu Hause in Eigenregie erlernbar“, sagt Storr, der solche Programme konzipiert.

Das funktioniert im Alltag so: Man sucht sich einen ruhigen Ort, legt sich idealerweise hin. Der Kopf ist auf einem Kissen gebettet und wer möchte, der deckt sich zu. Nun startet man das Programm, hört zu und befolgt die Anweisungen. Über meditative Elemente und gezielte Atemübungen wird man in eine therapeutische Trance versetzt.

Sobald in dieser Trance ein tiefer Entspannungszustand erreicht ist, werden in der Audio-Aufnahme verschiedenste Bilder aufgebaut. Storr beschreibt: „Innerhalb dieser Bilder werden Suggestionen verwendet, die das Darm-Nervensystem und den Fluss im Verdauungstrakt regularisieren und beruhigen.“

Ein Beispiel für eine Suggestion: Man stellt sich seinen Darm als einen Fluss vor, in dem alles in Ruhe fließt und über dem die Sonne scheint. Nun malt man sich zum Beispiel aus, wie durch die auf dem Bauch liegenden Hände Wärme in den Magen-Darm-Trakt strömt und Wohlbehagen auslöst. „Am Ende der Suggestionen geht es über eine kurze Aufwachphase wieder zurück in den Wachheitszustand“, so Storr.

Regelmäßigkeit ist gefragt

Aus seiner Sicht ist die Zeit kurz vorm Einschlafen der ideale Zeitpunkt für eine Darmhypnose. Die ersten vier bis sechs Wochen sollten die Hypnoseübungen täglich oder mindestens fünfmal die Woche erfolgen, rät er.

In bestimmten Fällen ist eine professionelle therapeutische Anleitung zur Darmhypnose in jedem Fall angebracht. Das biete sich an, wenn das Reizdarmsyndrom etwa mit einem Trauma wie Missbrauch oder dem plötzlichen Tod von Nahestehenden einhergeht, sagt Michael Bala, Hypnosetherapeut in Vreden (NRW).

Dann gehe es darum, etwa den aktuellen Konflikt therapeutisch aufzuarbeiten und zusätzlich mit Suggestionen den Magen-Darm-Trakt in Balance zu bringen, erläutert er. Eine Sitzung mit einem Therapeuten erfolge in einem solchen Fall ungefähr alle 14 Tage. Gegebenenfalls praktiziere die Patientin oder der Patient zwischen den Sitzungen bestimmte vom Therapeuten vorgegebene Übungen zu Hause.

Die Ursprünge des Ansatzes

Urheber der Darmhypnose ist der britische Gastroenterologe Peter Whorwell von der Universität Manchester. Er entwickelte in den 80er Jahren die „gut-directed hypnotherapy“, also die darmgerichtete Hypnosetherapie.

Demnach erfolgen bis zu zwölf Einzelsitzungen in drei Monaten bei einem Hypnotherapeuten oder einer Hypnotherapeutin, nach der dritten Sitzung können Patienten mithilfe eines Übungstapes die Darmhypnose zu Hause praktizieren. Ebenfalls von Peter Whorwell stammen die Suggestionsformeln, die die Darm-Hirn-Achse stimulieren sollen. Seinen Therapieansatz gibt es inzwischen in zig Abwandlungen, darunter das Audioprogramm zur Durchführung in Eigenregie.

Auf Form der Therapie einlassen

Dass die Darmhypnose positive Effekte haben kann, ist in Studien belegt worden. Wichtig ist aber: „Der Patient oder die Patientin muss aktiv mitmachen und bereit sein, sich auf die Hypnose einzulassen“, sagt Hypnotherapeut Bala. Wer dies für Hokuspokus hält, dem kann damit nicht geholfen werden.

So sieht es auch Storr. „Darmhypnose ist eine Therapie bei einem Reizdarmsyndrom, die vor Medikamenten anzuwenden ist“, sagt er. Der Internist und Gastroenterologe ist überzeugt: In Kombination mit einer Ernährungsumstellung und Stressreduktion lasse sich das Reizdarmsyndrom durch Darmhypnose am effektivsten behandeln.

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst