Gesundheit / 12.02.2020

Hochsensible Kinder brauchen Auszeiten

Ein hochsensibles Kind großzuziehen ist eine Herausforderung. Doch Eltern können viel tun, um eine normale Kindheit zu ermöglichen.

Das Foto zum Artikel "Hochsensible Kinder brauchen Auszeiten" zeigt eine Familie beim Geschirrspülen.

Dortmund/Rostock (dpa/tmn). Hochsensibel - mit dem Wort ist Michael Jack gar nicht so glücklich. „Für Musiker ist das positiv, aber außerhalb dessen hat Sensibilität so eine negative Konnotation von Lebensuntüchtigkeit”, sagt der Rechtsanwalt aus Dortmund.

Selbst hochsensibel, hat er 2007 den Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität gegründet. „Highly Sensitive Person”, diesen Begriff prägte in den 90er Jahren die US-Amerikanerin Elaine Aron. „Das „Sensitive” im Englischen ist eine neutrale Beschreibung von einer höheren Empfindlichkeit”, erklärt Jack.

In Deutschland hat sich letztlich dennoch die Bezeichnung Hochsensibilität durchgesetzt. Hochsensible haben nach der Definition von Aron bestimmte Merkmale. „Die Menschen verarbeiten gründlicher, reflektieren stärker, haben einen Hang zur Nachdenklichkeit, stellen viel in Frage”, erklärt Stephanie Kaye, integrative Lerntherapeutin mit eigener Praxis in Rostock. „Sie sind übererregbar, Stress durch Veränderung etwa sorgt für eine Überreizung des vegetativen Nervensystems.” Hochsensible seien emotional schneller berührbar und sehr empfänglich für Kunst oder Musik.

Sich selbst verstehen lernen

„Sie sind sensorisch empfindlicher, das kann Lärm sein oder Schmerz, Allergien treten eher auf”, fügt Kaye hinzu. „Aber das alles muss nicht in dieser kompletten Kombination vorliegen.”

Bei Michael Jack manifestierte sich die Hochsensibilität im Teenageralter bei einem Discobesuch: „10.000 Watt Musikanlage, das Siebenfache der gesetzlichen Feinstaubkonzentration, 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, Raumtemperatur 36 Grad, die Leute rücken einem auf die Pelle.” Alle anderen störte das offenbar nicht, Jack schon. „Das erzeugt so einen gewissen Anpassungsdruck.”

Er hat die Erfahrung gemacht: Hochsensibilität zu erkennen hilft den Menschen, sich selbst besser zu verstehen. „Da fällt nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern eine ganze Gebirgskette.” Auch Eltern kann das so gehen: wenn sie sich fragen, warum das Kind oft so anders tickt als erwartet.

Erwartungen überprüfen

Eine Krankheit ist Hochsensibilität nicht, vielmehr eine Persönlichkeitsvariante. „Das Spektrum dessen, was normal ist, ist sehr breit und groß”, sagt Professor Marcel Romanos, Direktor der kinder- und jugendpsychiatrischen Uniklinik Würzburg.

Der Begriff Hochsensibilität, mit objektiven Methoden nie belegt, sei aber eventuell problematisch. Nämlich dann, wenn damit eine psychische Störung verdeckt werde: „Ich habe mehrfach erlebt, wie Kinder mit Angsterkrankungen oder ADHS mit der 'Diagnose' Hochsensibilität belegt wurden”, warnt er. Die richtige Diagnose und erforderliche Therapie würden so verhindert, sagt Romanos.

Auffälliges Verhalten gehört abgeklärt - der Ansicht ist auch Lerntherapeutin Kaye. „Ich verweise selbst an Fachärzte, um psychiatrische Erkrankungen auszuschließen.” Liegt keine Störung vor, kann es Eltern aber helfen, das Phänomen Hochsensibilität zu kennen.

An erster Stelle steht oft, die Sicht auf das Kind generell zu verändern und von Erwartungshaltungen wegzukommen. „Geduld haben!”, ist Kayes wichtigster Rat. Sind Eltern selbst hochsensibel, können sie das Kind vielleicht besser verstehen. Ansonsten hilft Neugier, sich darauf einzulassen. Feste Familienregeln können sein, nicht laut rumzuschreien oder „dass jeder die Tür zumachen und in seinem Zimmer auch ein Stück in seinen Gedanken versinken darf.”

Emotionale Überlastung vermeiden

Das Kind wiederum muss lernen „zu benennen, warum es in manchen Situationen nicht gut klarkommt”, sagt die Therapeutin. Da es sich häufig auch der Probleme anderer annehme, sollten Eltern außerdem deutlich machen: „Das klären jetzt Mama und Papa, da musst du dir keine Sorgen machen”, sagt Kaye. „Sonst führt das zu einer hohen emotionalen Überlastung der Kinder.”

Eltern sollten sich zudem auf die Stärken des Kindes fokussieren und ihm ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln. Hochsensible Kinder dürfen nicht das Gefühl haben, dass sie nicht mehr dazugehören, wenn sie sich mal abgrenzen. „So ein Kind ist unheimlich glücklich, wenn es sich stundenlang mit Lego beschäftigen und bauen kann, statt zum Kaffeetrinken mit vielen Leuten zu gehen.”

Klar ist für die Therapeutin: „Man kann sich nicht im Wald verkriechen, um alle Reize auszuschalten. Aber man kann seinen Tag so gestalten, dass es immer Auszeiten gibt.” Also nach der Schule nicht gleich ins Internet, sondern lieber draußen einem Hobby nachgehen. „Viele meiner Schüler fahren gern lange Strecken mit dem Fahrrad, um sich zu entspannen und den Kopf freizukriegen.”

Auszeiten nehmen

In Auseinandersetzungen können Auszeiten ebenfalls sinnvoll sein, sagt Teresa Tillmann, Psychologin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Neuburg an der Donau. Sie hat über das Thema Hochsensibilität promoviert. „Bei Hochsensiblen kann es besser sein, die Konsequenzen für ein Fehlverhalten nicht unmittelbar zu diskutieren”, sagt sie. „Das Kind sollte sich erstmal beruhigen, bevor man in ein herausforderndes Gespräch geht, das zu einer erneuten Überreizung führen könnte.”

Stephanie Kaye pflegt auch den Kontakt zu Lehrern. Sie macht aber die Erfahrung, dass es an Schulen oft an Wissen über das Thema mangelt. Michael Jack gibt aus seiner Erfahrung mit vielen Betroffenen den Tipp: „Nicht unbedingt den Begriff „hochsensibel” verwenden, sondern besser ganz konkrete Situationen kommunizieren, in denen Überlastung eintritt.” Eltern können so um Verständnis werben - und auch Hinweise geben, was dem Kind in kritischen Situationen hilft.

Autor

 Deutsche Presseagentur – Themendienst