Rente / 28.10.2021

Höhere Erwerbsminderungsrente trotz hoher Abschläge

Rentenversicherung: Chronisch Kranke und Unfallopfer des Jahres 2020 profitieren auch nach Abzügen von längerer Zurechnungszeit.

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Berlin/Bad Homburg (sth). Die Erwerbsminderungsrenten (EM-Renten) von Beschäftigten, die 2020 wegen einer chronischen Krankheit oder eines Unfall vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden mussten, sind gegenüber neuen EM-Renten des Vorjahres deutlich gestiegen. Das geht aus statistischen Analysen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) hervor, die ihre-vorsorge.de vorliegen („Erwerbsminderungsrenten im Zeitablauf 2021“, PDF). Demnach wuchsen die durchschnittlichen monatlichen Nettozahlungen an neu erwerbsgeminderte Frauen und Männer von 806 Euro im Jahr 2019 auf 882 Euro im vergangenen Jahr. Das entspricht einem Plus von 9,4 Prozent.

Zugleich wuchsen aber auch die monatlichen Abschläge, die nicht mehr Erwerbsfähige in Kauf nehmen mussten – von im Schnitt 99 Euro brutto (Neurentner 2019) auf knapp 106 Euro im Vorjahr. Grund für die hohen Abzüge, die bei fast 97 Prozent aller Bezieher einer neuen EM-Rente anfallen, ist eine ähnliche Abschlagsregelung wie bei Altersrenten. Aus diesem Grund werden bei einem vorzeitigen Rentenbeginn – je früher, desto mehr – bis zu maximal 10,8 Prozent von der Rente abgezogen. Erwerbsgeminderte Männer gingen 2020 im Schnitt mit 53,7 Jahren in Rente, Frauen mit 52,8 Jahren.   

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Zurechnungszeit reicht bis zu 65 Jahren und neun Monaten

Wesentlicher Grund für die gestiegenen Erwerbsminderungsrenten seit 2019 ist die deutlich ausgeweitete Zurechnungszeit. Sie verlängerte die Versicherungszeit, die für die Rentenberechnung zugrunde gelegt wird, im Jahr 2020 vom Eintritt der Erwerbsminderung bis zum Alter von 65 Jahre und neun Monaten („Regelaltersgrenze“). Dadurch erhalten nicht mehr erwerbsfähige Männer im Schnitt für etwa 12 Jahre, Frauen für rund 13 Jahre länger eine Rente, als dies bei einer Rentenberechnung auf Grundlage der tatsächlichen Erwerbszeit der Fall wäre. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 verlängerte die Zurechnungszeit die Versicherungszeit noch bis zu einem Alter von 60 Jahren. Dadurch fiel auch die durchschnittliche Netto-Rente für neu Erwerbsgeminderte seinerzeit mit 639 Euro deutlich geringer aus.

Von der längeren Zurechnungszeit profitieren bisher jedoch nur die rund 337.000 EM-Rentnerinnen und -Rentner der Jahre 2019 und 2020 sowie die noch nicht bekannte Zahl von Neurentnern dieses Jahres. Knapp 1,5 Millionen Erwerbsgeminderte, die schon vor 2019 nicht mehr oder nur noch eingeschränkt arbeiten konnten, müssen mit oft deutlich geringeren Renten leben. Die von verschiedenen Seiten geforderte Ausweitung der Zurechnungszeit auf alle derzeitigen EM-Rentenbezieher würde allerdings teuer: Schon zwischen 2013 und 2020 stiegen die Kosten für EM-Renten nach DRV-Angaben von jährlich 15,7 Milliarden auf knapp 20,6 Milliarden Euro.

Ob die künftige Bundesregierung angesichts der demografischen Entwicklung und der schon jetzt absehbaren Erhöhung des Rentenbeitrags in den kommenden Jahren auch noch die EM-Renten allgemein anheben will, scheint zumindest fraglich. 

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Autor

Stefan Thissen