Rente / 30.09.2020

IAQ: Zahl der Pflegenden mit Rentenanspruch verdoppelt

In nur zwei Jahren ist die Zahl der Menschen, die Angehörige zuhause pflegen, von 302.000 auf 673.000 gestiegen. Fast 90 Prozent sind Frauen.

Bild zum Beitrag "Deutlich mehr Pflegende erhöhen ihre Rente". Das Bild zeigt eine Seniorin, die von einer jüngeren Frau Zuspruch erhält.

Bad Homburg (sth). Bereits bei ihrer Veröffentlichung im Frühjahr sorgte die Zahl für Aufsehen. Mehr als 673.000 Menschen, die Angehörige in deren Wohnung oder bei sich zuhause pflegen, haben 2018 nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung durch ihre Tätigkeit ihren späteren Rentenanspruch erhöht. Damit hat sich die Zahl der sogenannten Pflegepersonen innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt. Das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen hat die Ursachen dieser bemerkenswerten Entwicklung jetzt genauer untersucht. Der Befund der Wissenschaftler: Vor allem die Anfang 2017 in Kraft getretene Pflegereform hat dafür gesorgt, dass sich seither deutlich mehr Menschen – vor allem Frauen über 50 Jahren – für eine Pflegetätigkeit in häuslicher Umgebung entscheiden. 

Die Ruhrgebietsforscher ermittelten, dass die Zahl der "ambulant versorgten" Pflegebedürftigen bereits zwischen 2004 und 2016 von etwa 1,2 Millionen auf knapp zwei Millionen gestiegen sei. "Das entspricht einem Plus von 64 Prozent", stellt das IAQ in seiner Studie fest. Seit 2017 habe jedoch ein weiterer "steiler Anstieg" eingesetzt. So habe sich die Zahl der Pflegebedürftigen in der sozialen und in der privaten Pflegeversicherung auf 4,3 Millionen im Jahr 2019 mehr als verdoppelt, konstatieren die Wissenschaftler. Allein in der sozialen Pflegeversicherung seien im vergangenen Jahr rund 3,1 Millionen Pflegebedürftige ambulant versorgt worden, während es 2016 noch rund zwei Millionen gewesen seien.

Schneller Anspruch auf gezahlte Rentenbeiträge

Für den bemerkenswerten Aufwärtstrend bedeutsam seien vor allem zwei Neuregelungen, schreiben die Sozialforscher. Rentenversicherungsbeiträge für Pflegende würden seit 2017 bereits ab Pflegegrad 2 (höchster Pflegegrad: 5) gezahlt. Dadurch sei "die Zahl der Leistungsberechtigten deutlich angestiegen", heißt es in der Studie. Dazu kämen die ebenfalls seit Anfang 2017 geltenden "Leistungsverbesserungen hinsichtlich der Anerkennung von Pflegezeiten". Dadurch würden jetzt auch sogenannte pflegerische Betreuungsmaßnahmen wie Begleitung, Beschäftigung und Beaufsichtigung von Pflegebedürftigen berücksichtigt, stellen die Wissenschaftler fest. "Zudem wurde die erforderliche wöchentliche Pflegezeit, die eine Pflegeperson (für einen Rentenanspruch, d. Red.) mindestens erbringen muss, von 14 auf 10 Stunden verringert."

Fast 88 Prozent der Pflegenden des Jahres 2018 seien Frauen gewesen, heißt es in der Studie weiter. Auch wenn ihr Anteil damit seit 2004 um etwa fünf Prozentpunkte zurückgegangen sei, "machen sie doch immer noch den weit überwiegenden Teil der Pflegepersonen aus". Die meisten Pflegepersonen sind den Erhebungen zufolge zudem 50 Jahre und älter (im Jahr 2018: 61,8 Prozent). Und die Belastung der Pflegenden nimmt offenbar zu: 46,4 Prozent der rentenversicherten Pflegepersonen des Jahres 2016 seien erwerbstätig waren, heißt es in der Studie – 2004 seien es erst gegenüber 36,4 Prozent gewesen. Das Fazit der Forscher: "Ein zunehmender Anteil rentenversicherter Pflegepersonen steht damit vor der Aufgabe, Berufstätigkeit und private Pflege miteinander zu vereinbaren."

Mehr zum Thema:

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Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen über die Entwicklung häuslicher Pflegetätigkeit (pdf)

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Autor

Stefan Thissen