Gesundheit / 27.05.2021

Impfstoff für Kinder: Zulassung wahrscheinlich am Freitag

Eltern können wohl schon bald ihre 12-jährigen Kinder mit dem Biontech-Vakzin impfen lassen – vorerst aber ohne Segen der Impfkommission.

Impfstoff für Kinder: Zulassung wahrscheinlich am Freitag. – Impfspritze liegt auf gelbem Impfpass.

Berlin (dpa/iv). Die EU-Arzneimittelbehörde EMA will voraussichtlich an diesem Freitagnachmittag über die Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Kinder ab 12 Jahre entscheiden. Eine Zulassung gilt als wahrscheinlich.

In Deutschland wird es aber vorerst keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für alle Kinder geben: Momentan wisse man kaum etwas über die Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bei Kindern, erklärte Stiko-Mitglied Rüdiger von Kries am Dienstag in der Sendung „RBB-Spezial“

Was ist bei einer Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche anders als bei Erwachsenen?

Kinder sind biologisch gesehen keine kleinen Erwachsenen. Es reicht also nicht, eine Impfdosis einfach an ihre Körpergröße oder ihr Körpergewicht anzupassen. Für jedes Medikament sind grundsätzlich eigene Studien in der jungen Altersgruppe nötig. Für den Antrag auf Zulassung für 12- bis 15-Jährige reichte für Hersteller Biontech/Pfizer allerdings ein Test an nur rund 1.000 Teenagern.

Der Stiko ist das für ihre Empfehlung nicht genug. „Das ist deutlich zu gering, um seltene Komplikationen nach der Impfung vorhersagen zu können“, sagte Stiko-Mitglied Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin, kürzlich im rbb-Inforadio. Deshalb warte das ehrenamtliche Gremium auf mehr Daten aus den USA und Kanada, wo der Impfstoff seit Mai an 12- bis 15-Jährige verabreicht wird. Es geht um eine Prüfung zu Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit. Die Stiko-Empfehlung werde deshalb wahrscheinlich erst deutlich nach der EMA-Entscheidung kommen, so Terhardt. Und sie könnte Einschränkungen enthalten – etwa, dass zunächst nur chronisch kranke Kinder geimpft werden sollten.

Wie gefährdet sind Kinder und Teenager durch Covid-19 ?

Für Mediziner geht es bei einer Impfung wie bei Erwachsenen zuerst um den individuellen Schutz – und erst dann um den Schutz der Gemeinschaft. Bei Kindern gilt das Selbstschutz-Argument nicht so stark wie bei Älteren: Sie erkranken deutlich seltener als Erwachsene an Covid-19 – wenn, können auch sie vereinzelt schwere Verläufe entwickeln.

Bis 23. Mai sind nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie knapp 1.550 Kinder und Jugendliche mit Covid-19 ins Krankenhaus gekommen, davon waren 37 Prozent jünger als ein Jahr. Rund fünf Prozent dieser Kinder und Jugendlichen wurden auf einer Intensivstation behandelt, 0,3 Prozent starben an Covid-19. Angenommen wird, dass ein erheblicher Teil der Infektionen ohne oder nur mit milden Krankheitsanzeichen verläuft.

Auch Kinder leiden unter Spätfolgen

Spätfolgen (Long Covid oder Post Covid), die teils auch erst Monate nach der Infektion auftreten oder sich verschlechtern, werden nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Minderjährigen beobachtet. Zur Dauer und Häufigkeit ist aber noch vieles unklar. Es habe den Anschein, dass Langzeitfolgen bei Kindern eher aufträten als die akute Erkrankung, sagte Charité-Virologe Christian Drosten kürzlich im Podcast „Coronavirus-Update“.

Daneben gebe es das Zusatzproblem des pädiatrischen Multisystem-Inflammationssyndroms (PIMS), das eine Krankenhausbehandlung erfordert. Das sind Entzündungen, die Kinder etwa ab dem Grundschulalter bis zur Pubertät betreffen können. Die Datenlage zu der schweren Erkrankung, die Wochen nach einer akuten Infektion auftritt, sei unklar. Zu befürchten sei, dass das Syndrom in einem von 1.000 Fällen auftrete.

Welche Rolle spielen Kinder für die Herdenimmunität?

Einer Studie unter Leitung Drostens zufolge sind Kinder und Jugendliche ähnlich ansteckend wie Erwachsene. Die sogenannte Viruslast sei in allen Altersgruppen in etwa gleich, berichten die Forscher im Fachmagazin „Science“. Darum zählen auch Kinder und Jugendliche, wenn es um das Erreichen einer schützenden Herdenimmunität geht. Sie lässt sich nur erreichen, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist oder die Infektion durchgemacht hat.  Minderjährige haben in Deutschland einen Anteil von 16,4 Prozent an der Bevölkerung.

Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl findet, dass auch diese Gruppe eine Verantwortung für die Gesellschaft zu tragen hat. Er könnte sich sogar eine Impfpflicht für Schüler vorstellen. Stiko-Mitglied Terhardt nennt solche Vorschläge „abwegig“. Bei Eltern sei die Zurückhaltung im Moment noch sehr groß, sagte der Kinderarzt im rbb-Inforadio.

Impfen auch ohne Stiko-Empfehlung möglich

Bundesgesundheitsminister Spahn will Kinder und Jugendliche bei entsprechender EMA-Empfehlung jedenfalls auch ohne allgemeine Impfempfehlung der Stiko in die Impfkampagne einbinden. Die Stiko gebe nur eine Empfehlung, sagte der CDU-Politiker in der Sendung „Frühstart“ bei RTL/ntv. „Im Lichte dieser Empfehlung können dann die Eltern mit ihren Kindern, den Ärztinnen und Ärzten die konkreten Entscheidungen treffen, ob jemand geimpft wird oder nicht.“ Dies sei eine individuelle Entscheidung.

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst