Finanzen / 15.01.2019

Konjunkturboom geht die Puste aus

Handelskonflikte, Brexit, Konjunkturabkühlung in China – die Liste der wirtschaftlichen Unwägbarkeiten ist lang. Das spürt auch Deutschland.

Automaontage mit orangenen Robotern in Fabrikhalle. – Bild: gettyimages.de © PhonlamaiPhoto

Frankfurt/Berlin (dpa). Nach neun Jahren Dauer-Aufschwung geht der deutschen Wirtschaft die Puste aus – zumindest etwas. Auf zwei Boomjahre in Folge mit jeweils 2,2 Prozent Wachstum folgte 2018 ein Jahr mit weniger Tempo. An diesem Dienstag (10.00 Uhr) gibt es genaue Zahlen vom Statistischen Bundesamt. Auch für das laufende Jahr sehen Volkswirte trübere Aussichten für Europas größte Volkswirtschaft. Das hat vor allem politische Gründe.

Was bremst die deutsche Wirtschaft?

Die insbesondere von der Trump-Regierung angeheizten internationalen Handelskonflikte und die Unwägbarkeiten des Brexits sorgen für Verunsicherung.

Die Abkühlung der Weltkonjunktur, Turbulenzen an den Finanzmärkten einiger Schwellenländer und die Konjunkturabschwächung des wichtigen chinesischen Marktes belasten den Export.

Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer leidet vor allem das exportorientierte verarbeitenden Gewerbe in Deutschland unter nachlassender Nachfrage aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Die chinesische Führung steuere allerdings gegen.

Was treibt die Konjunktur an?

Das Wachstum wird nach Einschätzung von Ökonomen auch in diesem Jahr vor allem vom privaten Konsum und vom Bauboom getragen. Viele Menschen in Deutschland sind dank der historisch guten Lage auf dem Arbeitsmarkt und gestiegener Löhne in Konsumlaune. Zudem wirft Sparen wegen der Zinsflaute im Euroraum kaum noch etwas ab.

Zwar ist die Kauflaune zum Jahresende etwas gesunken, nach Angaben der GfK-Konsumforscher ist sie aber nach wie vor sehr hoch. Der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt liegt der GfK zufolge bei etwa 55 Prozent.

„Die Verbraucher entscheiden also zu einem großen Stück mit, wie sich die Dinge weiter entwickeln“, erläuterte GfK-Konsumforscher Rolf Bürkl jüngst. „Die binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen sprechen für eine, wenn auch moderatere, Fortsetzung des Aufschwungs“, argumentiert auch Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise.

Wie hoch ist die Gefahr einer Rezession?

Einen Absturz der deutschen Wirtschaft befürchten Ökonomen nicht. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass das Bruttoinlandsprodukt nach einer Delle im dritten Quartal 2018 auch zum Jahresende geschrumpft ist.

Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge sprechen Volkswirte von einer „technischen Rezession“ – sofern die Konjunktur anschließend wieder in Schwung kommt. „Selbst eine technische Rezession sollte kein Anlass zur Sorge sein“, mahnt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland zur Gelassenheit.

Es gebe genug Gründe für Optimismus. So seien die Auftragsbücher der Unternehmen weiterhin gut gefüllt und die Produktionskapazitäten ausgelastet.

Wie werden die Aussichten für dieses Jahr eingeschätzt.

Wirtschaftsforschungsinstitute, Bank-Ökonomen und internationale Organisationen hatten zuletzt ihre Prognosen für Deutschland nach unten korrigiert. Sie gehen aber davon aus, dass Europas größte Volkswirtschaft weiter wächst – wenn auch schwächer als in den Boomjahren 2016 und 2017.

Ähnlich sieht das auch die deutsche Wirtschaft: „Die akute Gefahr einer Rezession sehen wir nicht, die Luft wird aber dünner“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer jüngst.

Was sind die Risiken in diesem Jahr?

Ökonomen verweisen vor allem auf politische Unsicherheiten. Dazu zählen sie unter anderem die Handelspolitik der USA, die Unwägbarkeiten des Brexits, aber auch die Wahlen zum Europaparlament, bei der europafeindliche Parteien punkten könnten.

„Ich glaube, wir hatten selten wirtschaftlich so viel Unsicherheit wie zurzeit: Brexit, Handelsstreitigkeiten, instabile Lage in Italien oder der Türkei, Konflikte im Nahen Osten, drohende Autozölle der USA“, sagt auch DIHK-Präsident Schweitzer. Der alles überragende Handelskonflikt sei der zwischen den USA und China.

Was bedeutet die Entwicklung für den Staatshaushalt?

Auch 2018 dürften sprudelnde Steuern und Sozialbeiträge für einen Milliardenüberschuss in der Staatskasse gesorgt haben. Zudem profitiert der Fiskus von den Niedrigzinsen im Euroraum. Er kommt dadurch billiger an Geld. Bundesfinanzminister Olaf Scholz mahnt allerdings zur Vorsicht.

„Die schöne Zeit, in der der Staat immer mehr Steuern einnimmt als erwartet, geht zu Ende“, sagte der SPD-Politiker kürzlich der „Bild am Sonntag“. Für 2018 werde man zwar noch mal einen Steuerüberschuss ausweisen können, „aber nun sind die fetten Jahre vorbei. Von jetzt an erwarte ich keine unvorhergesehenen Mehreinnahmen mehr“, sagte der Bundesfinanzminister.

Weitere Informationen

www.destatis.de
Statistisches Bundesamt zu Bruttoinlandsprodukt

www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de
Mitteilung Sachverständigenrat Konjunkturprognose

www.diw.de
Herbstgutachten Wirtschaftsforschungsinstitute

Autor

 Deutsche Presseagentur