Rente / 11.10.2018

Mehr mit den Betroffenen reden

Sozialrechtstage: Von Armut betroffene Menschen benötigen mehr Hilfen, um ihre berechtigten Ansprüche geltend machen zu können.

Bayreuth (sth). Ein wichtiger, aber oft vernachlässigter Aspekt in der Debatte um Wege gegen Armut in Deutschland kam erst ganz zum Schluss ins Spiel. Als der Bayreuther Sozialrechtler Stephan Rixen, einer der Organisatoren der Bayreuther Sozialrechtstage 2018, für die abschließende Diskussionsrunde schon die Schlussrunde einläuten wollte, brachte Dina Frommert die rund 80 versammelten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Rechtspraxis und Rentenversicherung nochmals zum Aufhorchen. „Wir müssen mehr mit den Betroffenen über ihre Wünsche sprechen“, sagte die in der Forschungsabteilung der Deutschen Rentenversicherung beschäftigte Sozialwissenschaftlerin.

Zwar meinte Frommert in diesem Fall die etwa drei Millionen Selbstständigen hierzulande, die bisher keinem obligatorischen Alterssicherungssystem angehören, aus Sicht vieler Experten aber besonders von möglicher Altersarmut gefährdet sind. Man konnte diese Aufforderung der Berliner Wissenschaftlerin aber auch auf die etwa sieben Millionen Menschen beziehen, die von Armut betroffen und oft in mehrerer Hinsicht von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind. Sie wünsche sich einen „integrierteren Ansatz“ für die Sozialleistungsträger, um die berechtigten Ansprüche der Armen in Deutschland auch tatsächlich einfordern zu können, so Frommert.

Brüchige Erwerbsbiografien – Probleme im Alter

Zuvor hatte die Berliner Rentenexpertin anhand von Studienergebnissen der Rentenversicherung und des Bundessozialministeriums (BMAS) über die Altersvorsorge-Situation rentennnaher Jahrgänge und von Rentnern auf den engen Zusammenhang zwischen Erwerbsbiografie und Rentenanspruch im deutschen Rentensystem aufmerksam gemacht. Dabei zeigte sie den Grad der Alterssicherung anhand von acht Versicherten-„Typen“ auf. Deutlich wurde daraus, dass fast nur Arbeitnehmer mit einer langjährigen Versicherungsbiografie oder einer langen Ausbildungszeit im Alter mit ausreichend hohen Einkünften aus der Rentenversicherung rechnen können.

Die Bedeutung der gesetzlichen Rente sei umso wichtiger, als die private – meist zusätzliche – Altersvorsorge wegen fehlender Elemente des sozialen Ausgleichs nicht in der Lage sei, auch Menschen mit Versicherungslücken oder -brüchen (z.B. wegen Arbeitslosigkeit, Teilzeitarbeit, Hausfrauentätigkeit wegen Kindererziehung) abzusichern, ergänzte Frommert. Mit Blick auf künftige Altersarmut verwies die Expertin auf die erheblichen Sicherungsprobleme vor allem von Menschen aus dem unteren Fünftel der Einkommenshierarchie. Die von ihnen erworbenen Rentenansprüche seien oft zu niedrig, um auf ergänzende Sozialleistungen im Alter verzichten zu können.

Grund dafür sei auch der in den vergangenen Jahrzehnten von der Politik zurückgeschraubte soziale Ausgleich in der Rentenversicherung – mit Ausnahme der Kindererziehungs- und –berücksichtigungszeiten. Die verstärkte Betonung der sogenannten Beitragsäquivalenz (jedem gezahlten Beitrag muss die gleiche Leistung gegenüberstehen, d. Red.) werfe letztlich die Frage auf, wie stark künftig Ungleichheiten im Lebensverlauf durch Umverteilungselemente ausgeglichen werden sollten, sagte Frommert.

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Autor

Stefan Thissen