Soziales / 06.11.2018

Mehr niedrige und sehr hohe Einkommen

WSI-Verteilungsbericht: Die Einkünfte in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren polarisiert, Armut und Reichtum verfestigt.

Düsseldorf (wsi/sth). Die Gruppe der mittleren Einkommen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren geschrumpft, währens der Anteil der Haushalte unter der Armutsgrenze deutlich und der über der statistischen Reichtumsgrenze etwas zugenommen hat. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Laut WSI zeigen sich dabei wesentliche Unterschiede nach Geschlecht und Region: Dauerhafte Armut kommt demnach in Ostdeutschland etwa sechs Mal so häufig vor wie in den alten Bundesländern. Westdeutsche Männer hätten dagegen am häufigsten ein dauerhaft hohes Einkommen: "Etwa zwei Drittel der Wohlhabenden sind männlich, insgesamt leben 95 Prozent der Einkommensreichen in den alten Bundesländern", heißt es in dem Bericht.

Soziale Hürden beim Bildungszugang müssten abgebaut, fordert WSI-Verteilungsexpertin Dorothee Spannagel in ihrer Studie. Doch die Realität sehe anders aus, warnt die Forscherin. „Nicht nur geht die Einkommensschere auf, auch die Lebenswelten von Armen, Mittelschicht und Reichen fallen immer weiter auseinander.“ Dieser Prozess beschleunige sich, wenn die soziale Mobilität weiter sinke, weil auf die Dauer beispielsweise die soziale Mischung von Wohnvierteln abnehme. "Nur, wenn es gelingt, verfestigte Armut aufzubrechen und zu verhindern, dass sich die Reichen von der Gesellschaft absetzen, gelingt es auch, jene gut integrierte gesellschaftliche Mitte zu erhalten und zu stärken, auf der die Stabilität unserer Demokratie beruht", betont die WSI-Expertin.

Markanter, weitgehend kontinuierlicher Anstieg der Armut

Im Langzeitvergleich seit den 1990er Jahren zeigt sich nach Spannagels Analyse vor allem bei der Armut ein markanter, weitgehend kontinuierlicher Anstieg: Seien damals rund 11 Prozent aller Menschen in Deutschland einkommensarm gewesen, stieg die Quote nach ihren Angaben bis auf knapp 16,8 Prozent im aktuellsten Jahr 2015. In den letzten Jahren sei der Anstieg der Armut vor allem auf Flüchtlinge zurückzuführen, die Armutsquote unter in Deutschland Geborenen sei stabil geblieben. "Der Anteil der Bevölkerung in einkommensreichen Haushalten variiert über die Jahre etwas stärker, der langfristige Trend ist aber ebenfalls klar aufsteigend: Von 5,59 Prozent Anfang und gut sechs Prozent Ende der 1990er Jahre erreichte die Quote der Einkommensreichen ihren bisherigen Höchststand von fast 8,3 Prozent im Jahr 2014. 2015 lag sie bei 7,46 Prozent", so die Analyse der Wissenschaftlerin.

Besonders problematisch ist laut Spannagel, dass sich parallel zu den Anstiegen sowohl die Einkommensarmut als auch der Einkommensreichtum verfestigt haben. Dabei sei die Entwicklung bei armen Haushalten erneut deutlich stärker gewesen als bei reichen. Das zeige der Vergleich von drei 5-Jahres-Zeiträumen: "So hatten 3,1 Prozent der Bevölkerung zwischen 1991 und 1995 in jedem dieser Jahre nur ein Einkommen unter der Armutsgrenze zur Verfügung. Dagegen waren es im Zeitraum von 2001 bis 2005 bereits knapp 5,2 Prozent, die sich auch über fünf Jahre nicht aus der Armut lösen konnten. Trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung stieg der Anteil in den fünf Jahren von 2011 bis 2015 noch einmal leicht auf nunmehr 5,4 Prozent."

Knapp die Hälfte davon hätten nach Angaben der Forscherin keine 50 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. Das entspreche fast zwei Millionen Menschen, die in „strenger Armut“ leben müssten. In Ostdeutschland sei die Quote der dauerhaft Armen mit knapp 6,4 Prozent Anteil an der dortigen Bevölkerung "noch einmal spürbar höher als im bundesweiten Durchschnitt".

Mehr zum Thema:

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Link zum WSI-Verteilungsbericht 2018 (im pdf-Format)

Autor

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut