Soziales / 29.01.2020

Mit 30 in die Ausbildung

Die Zahl derer, die sich erst spät für eine Lehre entscheidet, steigt. Wie ist das – als Mittdreißiger unter Schulabsolventen?

Bild zum Thema: Mit 30 in die Ausbildung. Es zeigt zwei Männer in einer Wekstatt.

Zwei Männer stehen in einer Werkstatt und besprechen Baupläne.

Berlin/Aachen (dpa/tmn). Mit 37 Jahren geht Christoph Szostak wieder zur Schule, manche seiner Klassenkameraden sind knapp halb so alt wie er. "Die Vorstellung, wieder lernen zu müssen, war für mich ein absoluter Alptraum", gesteht der Berliner. Er nahm die Herausforderung dennoch an: Vor knapp zwei Jahren hat er sich zu einer Ausbildung als Fachinformatiker für Systemintegration entschieden. Nach seiner Prüfung wird er IT-Systeme planen, einrichten und betreuen.

Szostak war nach zwei abgebrochenen Lehren mehrere Jahre arbeitslos. "Für die Familie sorgen zu können", war einer der Gründe, mit Unterstützung des Jobcenters einen dritten Anlauf zu versuchen. Auf ein Motivationstraining folgte ein Praktikum bei einer IT-Firma, die ihn gleich übernahm. "Aber mein Chef legte mir nahe, zusätzlich noch die Ausbildung zu machen", erzählt er.

Das gab schließlich den Ausschlag. Die Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert Szostak nun in Form einer Umschulung, sie wurde von drei auf zwei Jahre verkürzt. "Die Motivation ist jetzt ganz anders als mit 20", sagt er.

Azubis jenseits der 30 sind in der Minderheit

Knapp 20 Jahre ist der Durchschnittsauszubildende in Deutschland alt, Lehrlinge jenseits der 30 sind in der Minderheit. Doch der Trendpfeil zeigt nach oben. Im Jahr 2017 waren laut Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung etwa zwölf Prozent der Auszubildenden zwischen 24 und 40 Jahre alt, im Jahr 2007 lag dieser Wert noch bei sechs Prozent. Absolute Ausnahme ist derzeit eine Ausbildung jenseits der 40.

Die Gründe, eher spät eine Ausbildung zu starten, seien vielfältig, sagt Aneta Schikora von der Bundesagentur für Arbeit: "Möglicherweise mussten manche früher eine Familie ernähren, wurden durch einen Unfall oder eine längere Krankheit aus der Bahn geworfen oder sehen für sich keine Perspektiven mehr in ihrem alten Beruf."

Wie gut die Chancen der älteren Bewerber im Vergleich mit jüngeren Konkurrenten sind, lasse sich nicht pauschal beantworten. Zu unterschiedlich seien die jeweiligen Voraussetzungen.

Fachkräftemangel eröffnet Chancen

Durch den Mangel an Fachkräften steige aber in den Betrieben die Bereitschaft, Kandidaten einzustellen, die sich erst vergleichsweise spät, möglicherweise nach einigen beruflichen Umwegen, für eine Ausbildung entscheiden, beobachtet Kirsten Kielbassa-Schnepp. Sie ist beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) für Berufsorientierung und Nachwuchsförderung zuständig. Sie rät Bewerbern, "offensiv darzulegen, warum sie sich so spät für eine Ausbildung entscheiden". Im Handwerk mit seinen oft eher kleinen Betrieben "ist es erfolgversprechend, gleich den persönlichen Kontakt zu suchen" – also den Chef direkt anzusprechen, und ein Praktikum zu vereinbaren, um sich gegenseitig kennenzulernen.

Eine heterogene Gruppe von Auszubildenden, vom 16-jährigen Schulabsolventen bis zum Mittdreißiger, stelle für ein Unternehmen durchaus eine Herausforderung dar, sagt Kielbassa-Schnepp. Aber sie können sich Unterstützung holen, beispielsweise durch ehemalige Ausbilder, die als ehrenamtliche Mentoren die Auszubildenden begleiten. Für die Älteren bedeute vor allem die Tatsache, wieder lernen zu müssen, eine Umstellung. "Auf der anderen Seite bringen sie mehr persönliche Reife mit, das erleichtert es ihnen, Probleme zu lösen."

Selbstsicheres Auftreten ist ein Pluspunkt

Solche Rückmeldungen hört auch Lotta Conrads immer wieder. Sie betreut in Aachen das Projekt "Switch 2.0", das Studienabbrecher nach intensiver Beratung in Ausbildungen vermittelt. Auch sie sind oft schon zwischen 20 und 30 – und durchaus gefragt bei Unternehmen in der Region, nicht nur weil sie oft schon Vorkenntnisse für Technik- oder IT-Berufe mitbringen: "Sie treten selbstsicherer auf und können deshalb oft schon direkt im Kundenkontakt eingesetzt werden." Die Ausbildung wird für die Ex-Studierenden verkürzt, je nach Leistungsstand dauert sie 18 bis 24 Monate.

Nicht nur in technischen Berufen, sondern auch in der Pflege und in der Kinderbetreuung werden qualifizierte Kräfte händeringend gesucht. "Deshalb ist dort die Wahrscheinlichkeit, einen Ausbildungsplatz zu finden, sicherlich größer als beispielsweise in kaufmännischen Berufen", sagt Aneta Schikora von der Arbeitsagentur.

Das Alter als Hürde bei Einstiegspositionen

Denn etwas höher seien die Hürden für Bewerber über 30 dann doch: "Aus Sicht mancher Arbeitgeber sind sie zu alt für Einstiegspositionen. Möglicherweise wird auch befürchtet, dass sie sich aufgrund ihrer Lebenserfahrung nicht mehr so prägen lassen wie ein Jugendlicher."

Dennoch spreche vieles dafür, den Sprung zu wagen: "Wer mit 30 Jahren eine Berufsausbildung beginnt, hat nach einem erfolgreichen Abschluss noch immer 30 Jahre Erwerbstätigkeit vor sich", sagt Schikora – und sei deutlich besser vor Arbeitslosigkeit geschützt als ungelernte Arbeitskräfte: 2016 lag die Arbeitslosenquote bei Menschen ohne Berufsabschluss bei etwa 19 Prozent, deutlich höher also als die allgemeine Quote von rund 6 Prozent.

Förderung für Erwachsene bis 35

Besonders gefördert werden deshalb junge Erwachsene zwischen 25 und 35 Jahren, die noch keinen qualifizierten Abschluss haben. "Zukunftsstarter" heißt ein Projekt der Arbeitsagentur, das sich an arbeitslose und beschäftigte Frauen und Männer zwischen 25 und 35 Jahren ohne Berufsabschluss richtet. Sie werden – bei Bedarf – bei einer Aus- oder Weiterbildung unterstützt, die einen Berufsabschluss zum Ziel hat. Sie bekommen etwa Zuschüssen zu Lehrgangs-, Fahrt- oder Kinderbetreuungskosten oder auch Nachhilfeunterricht, um schulisch den Anschluss zu schaffen.

Daneben gibt es weitere Fördertöpfe, um die Ausbildungsvergütung aufzustocken, beispielsweise die Berufsausbildungsbeihilfe für betriebliche Erstausbildungen oder Schüler-Bafög, wenn der gewünschte Beruf an einer Schule gelehrt wird. "Welche Unterstützung gewährt werden kann, sollten Bewerber vor Abschluss eines Vertrags mit ihrem Jobcenter beziehungsweise ihrer Arbeitsagentur besprechen: Sie ist abhängig von der persönlichen Lebenssituation", sagt Aneta Schikora.

"Man muss es wirklich wollen"

"Ich will für mein Kind und meine Frau sorgen können und im Leben noch was schaffen": Nach vielen schwierigen Jahren hat auch Marcus Werner aus Berlin den Absprung geschafft und steckt mitten in den Abschlussprüfungen seiner Ausbildung zum Tischler.

Die vergangenen zwei Jahre waren anstrengend: "Tagsüber in der Werkstatt, abends habe ich gelernt – man muss es wirklich wollen", sagt der 34-Jährige, "aber wenn man es will, gibt es auch viel Unterstützung". Und jetzt, da ist er sich sicher, "stehen mir viele Türen offen".

Weitere Informationen:

www.aachen.de

Projekt Switch 2.0

www.arbeitsagentur.de

Initiative Zukunftsstarter der Bundesagentur für Arbeit

www.bibb.de

Datenreport 2019 des BIBB

Autor

 Deutsche Presseagentur – Themendienst