Gesundheit / 10.03.2020

Nachwuchskrise bei Diätassistentinnen

Die Berufsbezeichnung klingt erstmal nicht so sexy. Dabei sind Diätassistentinnen nah dran an Ernährung, Fitness und Wellness.

Bild zum Thema Nachwuchskrise bei Diätassistentinnen: Junge Frau beißt in einen Apfel.

Berlin/Münster (dpa/tmn). Denise Jung wollte nach dem Abitur eigentlich studieren. Das Thema Ernährung in all seinen Facetten interessierte sie schon seit längerem. „Mehrere Menschen in meinem Umfeld haben Unverträglichkeiten und Allergien, können nicht alles essen“, erzählt die 23-Jährige. Als sie nach ihrem Schulabschluss ein Jahr ins Ausland ging, lernte sie einen Jungen mit zahlreichen Intoleranzen und Allergien kennen – von Gluten bis Hühnereiweiß reichten die Unverträglichkeiten.

„Der Leidensdruck des Jungen war groß, die Verzweiflung der Mutter auch“, erinnert sich Jung. Und ihr Wunsch reifte immer weiter, Menschen genau in diesen Lebenslagen beraten und helfen zu können. Mögliche Studiengänge waren Jung dafür zu theoretisch – also entschied sie sich für eine Ausbildung zur Diätassistentin und bewarb sich noch aus dem Ausland an der Schule der Charité, dem Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe.

Unsexy Ausbildungsname

Ernährung, Fitness und Wellness – das ist eigentlich ein Boom-Markt in Deutschland. Doch die Diätassistenten suchen dringend Nachwuchs. „Die Berufsbezeichnung ist nicht so sexy, und sie verrät nicht, wie vielfältig die Ausbildung ist“, sagt Uta Köpcke, die Präsidentin des Bundesverbandes der Diätassistenten.

Derzeit wird über die Umfirmierung des Namens in „Ernährungstherapeut“ diskutiert. Denn in dem Beruf, der derzeit an rund 30 staatlichen Schulen ausgebildet wird, geht es um viel mehr als Diäten oder Wellness.

Die Auszubildenden lernen, den Menschen und seine Ernährung ganzheitlich zu betrachten. Dazu zählen medizinische, ernährungswissenschaftliche und biochemische Grundlagen. „Denn Stoffwechselkrankheiten muss man verstehen, um mit der Ernährung helfen zu können“, sagt Köpcke. Dabei geht es etwa darum, wie Ernährung die Blutfette beeinflusst oder wie Insuline wirken.

Ernährungswissenschaft und Psychologie

Ein großer Schwerpunkt liegt auf Kenntnissen über die besondere Ernährung im Krankheitsfall. Die Schülerinnen – der Frauenanteil liegt bei rund 97 Prozent – müssen aber auch lernen, wie sie Patienten eine Ernährungsumstellung nahebringen. Deshalb geht es auch in die Bereiche Psychologie und Soziologie. „Auch den kulturellen Hintergrund beim Essen muss man mit einbeziehen“, sagt Köpcke.

Insgesamt ist der naturwissenschaftliche Anteil hoch – und das stellt manchmal eine Hürde dar. „Wir beobachten Blockaden im Fach Biochemie, weil die Auszubildenden schnell der Meinung sind, das Fach läge ihnen nicht“, sagt Dennis Papanouskas, Leiter der Schule für Diätassistenten am Universitätsklinikum Münster.

Sie stellten jedoch fest, dass die konkrete Anwendung des Gelernten vieles einfacher macht. „Herausfordernd sind auch Fächer wie Krankheitslehre oder Diätetik, weil viel Neues auf die Auszubildenden einwirkt.“

Diätassistenten müssen die Nahrung auch zubereiten

Wer sich für die Ausbildung entscheidet, sollte kochen können. „Für die praktische Abschlussprüfung müssen die Auszubildenden für einen konkreten Patienten die richtige Ernährungstherapie auswählen, ein Tagesbeispiel mit Nährwertprogramm berechnen, in der Lehrküche zubereiten und zeigen, wie beraten werden kann“, berichtet der Schulleiter.

Bewerben können sich die Interessierten frei an den verschiedenen Schulen für Diätassistenten. „Der individuelle Weg jedes Schülers interessiert uns, darum möchten wir in der Bewerbung gute Motivationsschreiben lesen“, so Papanouskas. Zugangsvoraussetzung ist der Realschulabschluss, doch vielfach bewerben sich junge Leute mit Fachhochschulreife oder Abitur.

Wichtig sind die Deutschnoten – und die in den Naturwissenschaften. „Der Beruf ist sehr kommunikativ“, sagt Papanouskas. Für Therapiebriefe, Beratungsmaterial und anderen Schriftverkehr sei deshalb eine gute Sprache notwendig.

Vergütung statt Schulgeld

Wie Denise Jung mussten noch viele der aktuellen Auszubildenden zu Beginn Schulgeld zahlen. „Mittlerweile erhalten wir eine Vergütung“, berichtet sie. Die liegt bei 900 bis 1.100 Euro, je nach Ausbildungsjahr und tariflichen Regelungen, sagt Verbandspräsidentin Köpcke.

Der theoretische Hintergrund hat es Denise Jung angetan. Für sie sind die spannendsten Fächer Biochemie, Anatomie und spezielle Krankheitslehre sowie die dazugehörige Diätetik. „Man lernt den Körper und sämtliche physiologischen und biochemischen Abläufe kennen, auch die, die verändert bei Krankheiten auftreten.“ Das alles zu verknüpfen, sei nicht immer einfach, „aber eine spannende Herausforderung, die mir sehr viel Spaß bereitet“.

Daneben müssen sich angehende Diätassistentinnen auf viel Patientenkontakt einstellen. „Ursprünglich hat sich der Beruf mal als Spezialisierung aus dem der Krankenschwester heraus entwickelt“, erklärt Köpcke.

Menschen das Leben leichter machen

Es ist ein Beruf, mit dem sehr vielen Menschen das Leben leichter gemacht werden kann, findet Jung. „In der Ernährungstherapie am und mit dem Patienten spürt man sehr deutlich deren Dankbarkeit, wenn ihnen endlich geholfen wird.“

Wer schließlich Diätassistentin ist, kann sich in viele Richtungen entwickeln und hat verschiedene Möglichkeiten, im Beruf zu arbeiten. „Natürlich kann man in Kliniken oder Rehaeinrichtungen bleiben, mancher macht sich auch mit einer Praxis für Ernährungsberatung selbstständig“, sagt Köpcke.

Zudem gibt es Weiterbildungen in Bereichen wie Stoffwechselkunde, Allergologie, Nephrologie, Gastroenterologie oder Onkologie. „Man wird nicht automatisch in eine Schiene gedrängt und kann ganz individuell den Fokus auf einen Bereich legen“, sagt Jung.

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst