Rente / 11.08.2020

Neue Erwerbsminderungsrenten deutlich gestiegen

Frauen und Männer, die 2019 vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden mussten, bekamen erheblich höhere Renten als chronisch Kranke der Vorjahre.

Bild zum Beitrag "Neue Erwerbsminderungsrenten deutlich gestiegen". Das Bild zeigt einen Mann mittleren Alters, der deprimiert aus dem Fenster schaut.

Berlin/Bad Homburg (sth). Eine seit Anfang 2019 geltende Leistungsverbesserung hat für nicht mehr erwerbsfähige Menschen offenbar die erhoffte Wirkung erzielt: Rund 161.500 Frauen und Männer, die im vergangenen Jahr vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden musste, bekamen deutlich höhere erste Renten als chronisch Kranke der Vorjahre. Das ergibt sich aus aktuellen Daten der Deutschen Rentenversicherung, die www.ihre-vorsorge.de vorliegen. Demnach lag die durchschnittliche monatliche Nettorente von Neu-Erwerbsgeminderten des Jahres 2019 bei knapp 806 Euro. Sie war damit um etwa 9,6 Prozent höher als die Rente von Menschen, die 2018 gesundheitsbedingt ihren Job an den Nagel hängen mussten.

Hauptursache für den erheblichen Anstieg der Erwerbsgemindertenbezüge dürfte die Rentenreform des Jahres 2018 sein. Dadurch wurde die sogenannte Zurechnungszeit ab Anfang 2019 auf einen Schlag von seinerzeit 62 Jahren und drei Monaten bis zur Regelaltersgrenze (2019: 65 Jahre und acht Monte) ausgeweitet. Die Zurechnungszeit ist eine rechnerische Verlängerung der Versicherungszeit und soll dafür sorgen, dass auch Menschen, die vorzeitig nicht mehr oder nur noch eingeschränkt arbeiten können, eine ausreichend hohe Rente erhalten. Ein Grund für die Leistungsausweitung von 2018 dürfte auch sein, dass viele Betroffene trotz der Verbesserungen durch die Reformen von 2014 und 2017 noch auf zusätzliche Grundsicherung angewiesen sind. Zudem sind viele Bezieher einer Erwerbsminderungsrente finanziell nicht in der Lage, eine ergänzende private Berufsunfähigkeitsversicherung zu bezahlen oder bekommen erst gar keinen Vertrag angeboten.

Renten von Frauen und Männern in ähnlicher Höhe

Im Gegensatz zu den gesetzlichen Altersrenten, die sich bei Männern und Frauen oft noch erheblich unterscheiden, ist die Geschlechterdifferenz bei den Erwerbsminderungsrenten (EM-Renten) erheblich geringer. Männer mit einer neu bewilligten EM-Rente bekamen 2019 monatlich eine Nettorente 831 Euro überwiesen, Frauen von knapp 782 Euro. Soziostrukturelle Untersuchungen vergangener Jahre zeigten, dass viele Frauen und Männer mit (stark) eingeschränkter Erwerbsfähigkeit oft in weniger qualifizierten und zugleich schlecht bezahlten Jobs tätig sind. Darum waren die Erwerbsminderungsrenten nach der EM-Rentenreform des Jahres 2000 über ein Jahrzehnt hinweg ständig gesunken. Erst in den vergangenen Jahren war wieder ein Aufwärtstrend zu verzeichnen.

Die Bundesregierung hatte ihre jüngste Reform auf diesem Feld damit begründet, dass Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr erwerbstätig sein könnten, "in besonderem Maße auf die Solidarität der Versichertengemeinschaft angewiesen" seien. Sie würden durch die Reform ab dem Jahr 2031 (wenn die Regelaltersgrenze für Neurentner*innen bei 67 Jahren liegt, d. Red.) so gestellt, "als ob sie entsprechend ihrem bisherigen Erwerbsleben bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze weitergearbeitet hätten".

Mehr zum Thema:

www.portal-sozialpolitik.de

Analyse der Zahlbeträge neuer Erwerbsminderungsrenten durch den Rentenexperten Johannes Steffen 

www.bmas.de

Grafik des BMAS zu den Auswirkungen der Rentenreform von 2018 auf die Erwerbsminderungsrenten

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Autor

Stefan Thissen