Rente / 17.02.2021

Neue Frührenten real niedriger als vor 20 Jahren

Sozialforscher der Universität Duisburg-Essen zeigen, dass Erwerbsminderungsrenten erst seit 2019 generell wieder steigen.

Bild zum Beitrag "Neue Frührenten real niedriger als vor 20 Jahren". Das Bild zeigt einen Stapel Münzen mit einem Taschenrechner.

Bad Homburg (sth). Neu bewilligte gesetzliche Erwerbsminderungsrenten (EM-Renten) sind real noch immer niedriger als zu Beginn des Jahrhunderts. Das geht aus einer aktuellen Analyse des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen hervor. Demnach waren EM-Renten, die im Jahr 2019 erstmals an chronisch kranke Männer in den alten Ländern gezahlt wurden, im Durchschnitt etwa 150 Euro niedriger als Neurenten des Jahres 2000. Der Grund: Die Renten vom Jahrhundertbeginn sind durch die seither erfolgten Rentenanpassungen real inzwischen deutlich höher. Bei ostdeutschen Männern unterscheiden sich neu bewilligte und vor 20 Jahren erstmals gezahlte Frührenten tatsächlich sogar um mehr als 190 Euro. Nur erwerbsgeminderte westdeutsche Frauen stehen sich der IAQ-Studie zufolge heute ähnlich wie ihre Schicksalsgenossinnen des Jahres 2000.

Für ihre Studie stellten die Sozialforscher der Universität Duisburg-Essen die offiziell ausgewiesene Höhe der Netto-Renten von neu Erwerbsgeminderten den Zahlungen an dieselben Rentnerinnen und Rentner gegenüber, bei denen man die jährlichen Rentenanpassungen berücksichtigt. Ein Beispiel: Westdeutsche Männer, die gesundheitsbedngt im Jahr 2000 vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden mussten, bekamen zu Beginn ihrer Rente durchschnittlich 780 Euro pro Monat ausgezahlt. Will man diesen Wert jedoch mit der Nettorente von Erwerbsgeminderten aus dem Jahr 2019 vergleichen, muss man für Rentner des Jahres 2000 auch alle Rentenanpassungen seither einrechnen. Tatsächlich haben dieselben Männer dann vor 20 Jahren eine Rente erhalten, die mehr als 210 Euro über der seinerzeit ausgewiesenen Rente lag.   

Neu Erwerbsgeminderte haben oft weniger Entgeltpunkte

Ein Hauptgrund für die langjährige Abwärtskurve bei den EM-Renten sind nach Analysen der IAQ-Forscher geringere erworbene Rentenansprüche der Betroffenen. Diese Ansprüche werden in der Rentenversicherung in Form von „Entgeltpunkten“ ausgewiesen. Ein Entgeltpunkt entspricht dem Rentenanspruch eines Durchschnittsverdieners in einem Jahr (Durchschnittsjahresverdienst 2021: rund 41.500 Euro brutto, d. Red.). Viele Erwerbsgeminderte waren laut der IAQ-Studie von Niedriglöhnen und unsteter Beschäftigung sowie mehrfach oder über längere Zeit von Arbeitslosigkeit betroffen. Dies mache sich „in durchschnittlich niedrigen und sinkenden Entgeltpunkten bemerkbar“, so die Wissenschaftler. EM-Rentner hätten zudem „überproportional häufig unter hohen körperlichen und/oder psychischen Arbeitsbelastungen zu leiden“ und verfügten oft „über keine oder nur niedrige schulische und berufliche Abschlüsse“.

Darüber hinaus machen sich der Rentenanalyse zufolge bei den neuen EM-Renten fast immer auch Abschläge bemerkbar, die erhoben werden, „wenn der Bezug einer Erwerbsminderungsrente vor Vollendung des 63. Lebensjahrs erfolgt“. Diese Abzüge liegen oft bei mehr als zehn Prozent der rechnerisch zustehenden Rente. Zwar wurde im Gegenzug seit 2014 mehrfach die sogenannte Zurechnungszeit ausgeweitet. Sie verlängert die Versicherungszeit eines nicht mehr erwerbsfähigen Beschäftigten inzwischen deutlich – seit 2019 bis zur persönlichen Regelaltersgrenze. Doch erst die jüngste Reform von 2018 brachte der IAQ-Studie zufolge für alle Gruppen unter den EM-RentnerInnen einen entscheidenden Schritt nach vorn.   

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Autor

Stefan Thissen