Gesundheit / 20.03.2019

"Passivtrinken": Tausende Babys mit Behinderung geboren

Alkoholkonsum in der Schwangerschaft kann zu schwere Behinderungen beim Kind führen. Alkoholmissbrauch anderer schadet aber nicht nur Babys.

Bild zum Thema: Passivtrinken": Tausende Babys mit Behinderungen. Es zeigt eine Frau, die auf einem Tisch liegt und ein Whiskeyglas in den Händen hält.

München (dpa). Auch Nicht-Trinker leiden in vielen Fällen unter den Folgen von Alkoholkonsum: Im Straßenverkehr verursachen betrunkene Autofahrer tödliche Unfälle, bei Gewalttaten spielt oft Alkohol eine Rolle – und trinkende Mütter schädigen ihre ungeborenen Kinder. Mit dem "Passivtrinken" befasst sich eine Studie des Münchner Instituts für Therapieforschung (IFT), die am Dienstag im Fachmagazin "BMC Medicine" veröffentlicht wurde.

Passivtrinken ist analog zum Passivrauchen

Die Wissenschaftler um Ludwig Kraus schätzten auf Grundlage von internationalen Übersichtsstudien, dass im Jahr 2014 in Deutschland 12.650 Babys mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) zur Welt kamen, darunter knapp 3.000 mit einem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) als volle Ausprägung der Störung. Die Kinder sind teils kleinwüchsig und haben Fehlbildungen im Gesicht. Ihre motorischen Fähigkeiten sind eingeschränkt, sie zeigen Störungen im Verhalten, bei den Gedächtnisfunktionen, bei Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit. Alkoholkonsum stelle auch für unbeteiligte Dritte eine Gefahr dar, folgert Kraus. "Das ist analog zum Passivrauchen."

Zahlen für Deutschland wurden bisher unterschätzt

Die Forscher hatten neben den internationale Übersichtsstudien eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts in Berlin ausgewertet, die auf Befragungen von Müttern beruhte. Demnach wurden von 10.000 Kindern 177 mit FASD geboren. Das rechneten die Forscher auf die Zahl von 715.000 Geburten in Deutschland um. "Für Deutschland wurden die Zahlen bisher unterschätzt", sagte Kraus. Dabei seien FAS und FASD nicht einmal die einzigen möglichen Folgen des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft.

Entwicklungsschädigungen werden oft erst später festgestellt

Die Zahl der Betroffenen sei schwer zu erfassen, da die Entwicklungsschädigungen oft erst später festgestellt würden. Da die Erkrankungen nicht meldepflichtig seien, gebe es keine Statistiken. "Es gibt viele FAS- oder FASD-Fälle, die nicht erkannt sind. Viele Kinder haben die Störungen, aber sie sind nicht als diese Störungen diagnostiziert", sagte Kraus. Es sei zwar nicht von steigenden Fallzahlen auszugehen, da der Alkoholkonsum in Deutschland eher abnehme, sagte Kraus. Dennoch forderte er mehr Prävention.

Empfindlichere Strafen für alkoholisierte Autofahrer nötig

Für alkoholisierte Autofahrer müsse es empfindlichere Strafen geben, sagte Kraus weiter. Verkehrskontrollen müssten intensiviert werden. Von 2.675 Menschen, die 2014 unverschuldet im Straßenverkehr starben, wurden 1.214 Opfer von Alkoholfahrten, meist als Beifahrer oder Fußgänger.

Viele Gewalttaten werden unter Alkoholeinfluss begangen

Auch Gewalttaten würden vielfach unter Alkoholeinfluss begangen. Von 368 Tötungen waren in 55 Fällen die Täter alkoholisiert. In Fällen, in denen Täter schon als gewaltbereit bekannt seien, könne mit Therapie Prävention betrieben werden, damit sie auch unter Alkoholeinfluss gewaltfrei bleiben können.

Alkoholmissbrauch ist weltweit eine der häufigsten Ursachen für Erkrankungen und Todesfälle

Maßnahmen wie die Preispolitik oder die Beschränkung der Vermarktung von alkoholischen Getränken seien unpopulär, würden aber helfen, die Schädigung Dritter zu reduzieren. Letztlich komme das auch den Trinkern selbst zugute. Alkoholmissbrauch sei weltweit die vierthäufigste Ursache für Erkrankungen und Todesfälle. Missbräuchlicher Alkoholkonsum erhöhe das Risiko für zahlreiche Krebsarten.

Weitere Informationen:

https://www.ift.de/institut/mitarbeiter/

https://www.ift.de/institut/mitarbeiter/Institut für Therapieforschung

www.bmcmedicine.biomedcentral.com

Studie im Internet nach Ablauf des Embargos

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Autor

 Deutsche Presseagentur