Gesundheit / 17.08.2021

Plötzlich Diabetiker: Es kann schon die Jüngsten treffen

Wenn Kinder viel trinken und häufig auf die Toilette müssen, könnten sie Diabetes haben. Zu spät erkannt, kann das gefährliche Folgen haben.

Plötzlich Diabetiker: Es kann schon die Jüngsten treffen. – Kleines Mädchen beißt in einen Apfel.

Berlin (dpa). Es ist ein ungelöstes Rätsel: In Deutschland erkranken immer mehr Kinder und Jugendliche an Diabetes mellitus Typ 1, also der Form von Diabetes, die nicht mit ungesunder Ernährung oder Bewegungsmangel in Verbindung steht. Die Erkrankungsrate steigt laut Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG) jedes Jahr um drei bis vier Prozent, besonders kleine Kinder sind betroffen. „Woran das liegt, wissen wir nicht“, sagt Andreas Neu, DDG-Präsident und Kommissarischer Ärztlicher Direktor der Abteilung Neuropädiatrie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie an der Kinderklinik Tübingen.

Diabetes-Typ-1 ist Autoimmunerkrankung

Diabetes werde häufig mit höherem Lebensalter, Übergewicht und Bewegungsmangel assoziiert. Dass auch völlig gesunde, aktive Kinder und Jugendliche Diabetes bekommen können, sei vielen Menschen nicht klar. Plötzlich hört der Körper auf, das lebensnotwendige Insulin in ausreichender Menge zu produzieren, die jungen Patienten sind ihr Leben lang von Insulin-Spritzen oder -Pumpen abhängig. Laut DDG leben in Deutschland schätzungsweise 30.000 bis 32.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 19 Jahren mit der Autoimmunerkrankung.

Unspezifische Symptome

„Die Symptome können auch bei anderen Krankheiten oder jahreszeitbedingt auftreten. Deshalb braucht es oft einige Zeit, bis Eltern bewusst wird, dass ihr Kind die Krankheit haben könnte“, sagt Andreas Neu. Viel zu trinken sei zum Beispiel im Sommer normal. Häufiges Wasserlassen könnten Eltern gerade bei Kita- und Schulkindern gar nicht immer mitbekommen. Auch der typische Gewichtsverlust falle nicht immer sofort auf und ein Leistungsknick mache sich bei größeren Kindern oft erst am Schuljahresende beim Zeugnis bemerkbar, so Neu über die klassischen Symptome.

Anstieg von Ketoazidosen im Pandemiejahr

Im Pandemiejahr 2020 sind mehr Eltern als üblich verspätet mit ihren Kindern zum Arzt gegangen – mit gefährlichen Folgen: Die Zahl der Ketoazidosen hat sich laut einer Studie im Vergleich zu den Vorjahren signifikant erhöht. Der Gießener Kinder- und Jugendmediziner Clemens Kamrath und weitere Forscher haben zunächst die Daten von 532 Kindern und Jugendlichen, die zwischen Mitte März und Mitte Mai an Diabetes Typ 1 erkrankten, mit denen von 2018 und 2019 verglichen.

Werden diese zu spät erkannt, kann es zu einer gefährlichen Stoffwechselentgleisung, der diabetischen Ketoazidose kommen. Durch den Insulinmangel entstehen Ketonkörper – Stoffwechselprodukte, die das Blut übersäuern und zum Koma führen können. „Das ist potenziell lebensbedrohlich. Da zählen Stunden“, so Neu.

Schwere Folgeerkrankungen bei Diabetes-Typ-1 möglich

Unzureichend behandelt kann ein Typ-1-Diabetes schwere Folgeerkrankungen nach sich ziehen. „Es sind die gleichen, die man auch von der Volkskrankheit Diabetes Typ 2 kennt“, so Neu. Der Zucker greife mit der Zeit Augen, Nieren, Gefäße und Nerven an. „Im schlimmsten Fall treten später Blindheit und Herzinfarkt auf, auch Amputationen und Dialyse können notwendig werden“. Gerade wegen der langen Lebensdauer, die die jungen Patienten noch vor sich hätten, sei von Anfang an eine gute Behandlung nötig.

Autor

 Deutsche Presseagentur