Soziales / 07.08.2019

Privatschulen verzeichnen steigenden Zulauf

GEW: Private Schulen wirken "sozial selektiv" und verschärfen die soziale Spaltung. Privatschulverband: "Heterogene Schülerschaft".

Bild zum Beitrag "Privatschulen verzeichnen steigenden Zulauf". Das Bild zeigt einen Jungen, der sich im Unterricht meldet.

Dortmund (dpa). Privatschulen haben in Deutschland deutlichen Zulauf - mit konstanten oder weiter steigenden Schülerzahlen in fast allen Bundesländern. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergeben. Kritik kommt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Aus ihrer Sicht wirken private Schulen "sozial selektiv" und verschärfen die soziale Spaltung. Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann hatte zu Wochenbeginn mit Äußerungen über häufig unzureichende Deutschkenntnisse vor der Einschulung Wirbel ausgelöst. Dabei hatte er der "Rheinischen Post" auch gesagt: "Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt."

Zu Privatschulen gehören etwa Waldorf- und Montessorischulen oder Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Sie müssen allesamt staatlich genehmigt werden und haben eine "heterogene Schülerschaft", wie der Verband Deutscher Privatschulverbände betonte. Jeder elfte Schüler lerne inzwischen in einer Privatschule. Die GEW in Nordrhein-Westfalen kritisierte, auch der schlechte Zustand vieler öffentlicher Schulen habe zu der steigenden Privatschulnachfrage beigetragen. Die Politik müsse diesem Trend entgegenwirken.

Zahl von Privatschülern in den Bundesländern

Für NORDRHEIN-WESTFALEN meldet das Statistikamt IT.NRW steigende Zahlen. Zuletzt lernten dort demnach fast 163.100 Schüler an einer privaten Ersatzschule - 0,3 Prozent mehr als 2017/18. An der Schülergesamtzahl mache der Anteil der Privatschüler 8,6 Prozent aus - und sei vor allem bei Gymnasien mit 16,8 Prozent hoch. Nicht enthalten sind Berufs- und Weiterbildungskollegs, Förderschulen nur zu einem Teilbereich. Das Düsseldorfer Schulministerium zählt anders, kommt auf sogar 208.000 Privatschüler, aber einen "leicht rückläufigen" Trend. Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) sieht die Privaten als eine Ergänzung, eine "gute und erfolgreiche Bildungsbiografie" sei an allen Schulformen möglich.

In BAYERN gingen im Schuljahr 2018/19 knapp 146.800 Kinder und Jugendliche in eine der 625 Privatschulen. Das macht einen vergleichsweise hohen Anteil von 11,7 Prozent aus. Zur Motivation der Eltern heißt es beim dortigen Lehrerverband, viele wollten ihre Kinder vor dem in Bayern besonders leistungsorientierten System der öffentlichen Schulen bewahren. Es gebe aber auch elitär ausgerichtete Gründe. Von einer "bedauerlichen Entwicklung" spricht der Landeselternverband. Eltern gingen wohl von besserer Förderung und Geborgenheit bei privaten Trägern aus.

In HESSEN verzeichnete das Kultusministerium einen leichten, kontinuierlichen Anstieg: Dort besuchten nahezu 54.700 Heranwachsende eine allgemeinbildende Schule in privater Trägerschaft - ein Anteil von gut 7 Prozent. Viele Eltern hätten Interesse an Reformpädagogik, meint die Arbeitsgemeinschaft der freien Schulen. Auch die GEW in Hessen verlangt eine Stärkung des öffentlichen Systems. Die Privaten könnten mit kleinen Klassen und umfangreicher Betreuung punkten.

Höchststand in Baden-Württemberg

In BADEN-WÜRTTEMBERG hat die Zahl der Privatschüler einen Höchststand erreicht. Rund 106.800 Schüler besuchten eine allgemeinbildende Privatschule - 0,8 Prozent mehr als 2017/18. Nach Einschätzung der dortigen GEW wollen Eltern über das Umfeld ihrer Kinder bestimmen. "Und private Schulen wählen nach Milieu oder auch nach Religion aus." In RHEINLAND-PFALZ bewegt sich die Privatschüler-Quote in Richtung 8 Prozent, aus dem SAARLAND wird eine konstante Zahl von knapp 8.600 Privatschülern gemeldet.

In BREMEN herrscht zwar große Unzufriedenheit mit den öffentlichen Schulen, einen Ansturm auf die Privaten gibt es trotzdem nicht. Laut Bildungsverwaltung besucht immerhin etwa jeder zehnte Schüler eine Privatschule. In NIEDERSACHSEN blieb die Zahl der Privatschüler konstant. Das Bildungsministerium in SCHLESWIG-HOLSTEIN hält die Ersatzschulen für "eine gute Ergänzung des öffentlichen Bildungssystems". Dort lernen nur 5 Prozent der Schüler an Privatschulen. HAMBURG meldet "konstanten Zulauf". In BERLIN besuchen rund 37 000 Schüler Privatschulen - ein Anteil von rund 10 Prozent.

In BRANDENBURG ist der Anteil binnen zehn Jahren von 8 Prozent auf aktuell gut 11 Prozent geklettert - was nach Einschätzung des Bildungsministeriums an besonderen Konzepten oder schlicht am kurzem Schulweg liegen könnte. Auch in SACHSEN-ANHALT liegen Privatschulen im Trend. Ebenso in THÜRINGEN, wo mehr als jeder zehnte Schüler an einer privaten Schule lernt - Tendenz steigend. Das Milieu sei geprägt von einer gut situierten Elternschaft mit hohem Bildungsabschluss, meint die dortige GEW. Die Evangelische Schulstiftung verweist aber auf sozial gestaffeltes Schulgeld und gemischte Elternschaft.

Autor

 Deutsche Presseagentur