Rente / 27.09.2017

"Reformpaket für die Rente nötig"

IAQ-Chefin Klammer empfiehlt lebenslange Versicherungspflicht zur Vermeidung von Altersarmut.

Duisburg/Essen (sth). Ein Reformpaket für die Rentenversicherung in der nächsten Wahlperiode hat die Chefin des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg/Essen, Ute Klammer, gefordert. Um existenzsichernde Rentenansprüche auch für Geringverdiener und Teilzeitbeschäftigte – insbesondere Frauen – zu erreichen, empfiehlt Klammer die Einführung einer "durchgängigen Versicherungspflicht" in der Erwerbsphase. Dazu sollte nach Ansicht Klammers jede bezahlte Arbeitsstunde sozialversicherungspflichtig sein.

Zudem hält die Wissenschaftlerin es für nötig, die häusliche Pflege von Angehörigen für die Rente künftig ähnlich wie die Kindererziehung zu bewerten. Für vor 1992 geborene Kinder werden derzeit zwei Entgeltpunkte auf dem Rentenkonto angerechnet, für nach 1991 geborene Kinder drei Entgeltpunkte. Für ein Jahr Pflege von Eltern, Freunden oder Nachbarn gibt es je nach Pflegegrad des Pflegebedürftigen derzeit zwischen knapp 0,2 und einem Entgeltpunkt als Rentenzuschlag; für die meisten häuslich Pflegenden dürfte aber weniger als ein halber Entgeltpunkt pro Jahr zusätzlich aufs Rentenkonto fließen. Pflegezeiten müssten darüber hinaus auch für nicht Berufstätige und Pflegende, die bereits die volle Altersrente beziehen, "auf die Rentenansprüche angerechnet werden", fordert Klammer.

"Anwartschaftssplitting für Ehepaare"

Ein weiterer Schritt zur Verbesserung der Rentenansprüche von Frauen könnte nach Ansicht der IAQ-Chefin ein "Anwartschaftssplitting bei Ehepaaren" sein. Dadurch würden die während der Ehezeit von beiden Partnern erworbenen Rentenansprüche sofort hälftig aufgeteilt. Eine solche Regelung hätte eine ähnliche Wirkung wie der Versorgungsausgleich, der die Altersvorsorgeansprüche von Geschiedenen auf beide Partner verteilt. Dies könne dazu beitragen, die bisher abgeleiteten Rentenansprüche "zur eigenständigen Sicherung zu verlagern", argumentiert Klammer.

Klammer hinterfragt auch die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig versicherte Arbeitnehmer. Eine solche Begünstigung müsse "aus gleichstellungspolitischer Perspektive kritisch betrachtet werden", so die Sozialforscherin. Frauen würden durch diese Regelung benachteiligt. "Sie erfüllen meistens wegen ihres Erwerbsverlaufs gar nicht die Zugangsvoraussetzungen, müssen die Leistung aber ungeachtet niedriger eigener Ansprüche über erhöhte Beitragszahlungen mitfinanzieren", sagte Klammer. Nach jüngsten Daten der Deutschen Rentenversicherung bekamen Ende 2016 rund 425.000 Männer eine "Rente mit 63" in Höhe von durchschnittlich 1.378 Euro (netto), die rund 260.000 Frauen mit mindestens 45 Beitragsjahren kamen auf eine Netto-Duchschnittsrente von 1.053 Euro.

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen