Gesundheit / 28.09.2018

RehaCare: Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten

Diskussionsforum sieht Vorteile durch die Digitalisierung in der Reha. Den Mensch kann künstliche Intelligenz aber nicht ersetzen.

Düsseldorf (mjj).  Die heute endende Messe RehaCare ist Trend- und Taktgeber der Digitalisierung in der Reha. Zahlreiche Aussteller präsentieren Lösungen, die den Alltag von Behinderten und Kranken oder einfach nur Abläufe in Kliniken erleichtern. Wer durch die Hallen läuft, merkt schnell, dass die RehaCare auch eine Technikmesse ist: Kleine Greifarme, die einen Löffel voll Suppe an den Mund führen, Rollstühle, die mit den Augen gesteuert werden oder Exoskelette, die Patienten nach schweren Unfällen buchstäblich wieder auf die Beine helfen.

„Daten machen Erfolge sichtbar“

Passend zum Technik-Hype in der Reha lud der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) gestern zu einer Paneldiskussion unter dem Titel „Weniger stationär, weniger ambulant, mehr Zuhause? Wie die digitale Transformation die REHA verändert" ein. Schnell wurde klar, dass der Technikvirus längst schon die Reha-Landschaft erreicht hat. „Ich kann mir keine Klinik vorstellen, die noch keine digitalen Patientenakten führt", so Professor Dr. Bernhard Greitemann, ärztlicher Leiter der Klinik Münsterland am Reha-Klinikum Bad Rothenfelde. Dank Digitalisierung seien Arbeitsabläufe nun noch strukturierter und Berichte qualitativer.

„Daten machen selbst kleine Erfolge sichtbar“, ergänzt Dr. med. Shari Langemak. Sie ist Director Innovation & Business Development bei der cereneo AG, einer der führenden Kliniken für neurologische Rehabilitation in der Schweiz. „Wir können unseren Patienten darlegen, welche Erfolge sie erzielen. Das ist wichtig für die Motivation." Ein Effekt, den einige Zuhörer aus dem Publikum von ihren Fitnesstrackern am Handgelenk kennen.

Informierte Patienten sind motivierte Patienten

Zur Digitalisierung gehört auch, dass Patienten das Internet zu Rate ziehen. Die Verfügbarkeit medizinischer Daten und Informationsquellen bewertet Greitemann grundsätzlich zunächst positiv: „Natürlich runzele ich manchmal die Stirn, wenn meine Patienten mit Google-Wissen kommen. Aber es zeigt doch nur, dass sie sich um ihre Gesundheit kümmern.“ Heutzutage müsse ein Arzt mehr erklären als früher, dafür aber seien die Patienten engagierter: „Das was ich an Erklären investiere, erhalte ich an Engagement zurück.“

"Gamification" überlistet Ängste

Die Digitalisierung ist kein Phänomen alleine in der Gesundheitsbranche. Folgerichtig stellt Moderator Manouchehr Shamsrizi, Mitbegründer von RetroBrain, die Frage, von welchen Ansätzen in anderen Industriezweigen die Mediziner etwas lernen können. "Ganz klar von der Gamifikation", sagt die Rehabilitationswissenschaftlerin Sophie Rabe vom Startup Lindera. Dabei werden Therapien mit Anwendungen aus dem Computerspielbranche kombiniert. „Solche Programme können sehr erfolgreich sein, weil sie die Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen steigern."

Noch ein Vorteil: Den Patienten macht die Therapie Spaß, was wieder den Ehrgeiz steigert. „Wir haben Patienten, die uns fragten, wann denn die Therapie beginnt, sie hätten doch schon so lange gespielt“, lächelt Langemak. „Wir müssen dann erklären, dass diese spielerische Anwendung Teil der Therapie ist.“ Auch in der Klinik Münsterland habe man gute Erfahrungen mit einer Spielekonsole gemacht, ergänzt Greitemann: „Trauten sich Patienten etwa nicht einen Fuß zu belasten, hat die Konsole sie ausgetrickst: Im Spiel erfolgte die Belastung unwillkürlich.“

Digitalisierung ersetzt nicht den Menschen

Doch auch Grenzen und nicht eingelöste Versprechen der Digitalisierung wurden deutlich: So habe sie nicht dazu geführt, dass weniger Personal beschäftigt werden muss. Daten und Technik ersetzen weder Therapeuten noch Ärzte. Einhellige Meinung: Gerade die persönliche Beziehung zwischen Patienten und Medizinern ist wichtig für den Therapieerfolg. Ohne Mensch geht es nicht.

Auch den Datennutzen berücksichtigen

Ohne Datenschutz auch nicht. Das Thema sei so wichtig wie die Evaluation digitaler Reha-Projekte. „Datenschutz darf aber nicht als Killer-Argument gegen Innovationen ins Feld geführt werden“, mahnt Greitemann. Ein Ball, den Manouchehr Shamsrizi aufnimmt: „Vielleicht sollte man in solchen Diskussionen auch mal vom Datennutzen sprechen.“ Wenn man beides bedenke – Schutz und Nutzen – könne man Lösungen finden.

Andere Länder sind innovativer

Und die Zukunft? Andere Länder sind innovativer, berichtet die Runde. In den Niederlanden etwa gelinge der Schritt aus der universitären Forschung in die Praxis schneller. Auch in der Schweiz. Dort arbeitet Langemak: „Das liegt bestimmt auch daran, dass die Schweiz kleiner ist, die Beziehungen zwischen den Akteuren sind enger. Das erleichtert Innovationen.“

Einig sind sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass allein immer neue Pilotprojekte nicht das Problem lösen. Kein Startup könne sich so auf Dauer finanzieren. Digitale Lösungen müssten es in den Leistungskatalog der Rentenversicherung und Krankenkassen schaffen. Es gehe aber längst nicht allein um Geld, sagt Shamsrizi: „Auch Wissen und Erfahrung sind eine wichtige Ressource." Auch deswegen sei eine enge Vernetzung der Startups, Wissenschaftler und Anwender wichtig.

Großes Potenzial für die digitale Nachsorge

Greitemann weist darauf hin, dass die Deutsche Rentenversicherung die Tele-Nachsorge in ihren Leistungskatalog bereits aufgenommen habe. Ohnehin sehen die Experten in der digitalen Nachsorge noch großes Potential – vor allem im ländlichen Raum. Finde sich dort etwa kein Nachsorgeangebot, lasse sich dieses in vielen Fällen auch online umsetzen. Statt in der Gruppe in einer Turnhalle steht der Patient dann vor dem Computer und ist im Dialog mit einem Physiotherapeuten. Auch für Diabetiker oder Adipöse, die auch nach ihrer Reha weiter abnehmen wollen, könnten solche Onlineprogramme sinnvoll sein.

„Digitalisierungsdividende" nennt das Moderator Shamsrizi und meint es nicht nur wirtschaftlich. Vor allem die Patienten profitierten von der Digitalisierung in der Reha. Auch darin war sich die Diskussionsrunde wieder einig.

Die Teilnehmer der Podiumdiskussion

Die Teilnehmer auf dem Podium (v.l.n.r.):

Prof. Dr. med. Bernhard Greitemann: Er ist ärztlicher Leiter der Klinik Münsterland am Reha-Klinikum Bad Rothenfelde – einer Klink der Deutschen Rentenversicherung Westfalen (www.klinik-muensterland.de).

Sophie Rabe: Die Rehabilitationswissenschaftlerin arbeitet für das Startup Lindera. Das Unternehmen bietet videobasierte Mobilitätstests an, die körperlichen Risikofaktoren ermitteln (www.lindera.de).

Manouchehr Shamsrizi: Er ist Co-Founder des gamelab der Humboldt-Universität und Co-Founder von RetroBrain. Dort entwicklet man therapeutisch-präventiv wirksame Videospiele für Ältere, Schlaganfallpatienten und Menschen mit Demenz oder Parkinson (www.memore.de).

Dr. med. Shari Langemak: Sie ist „Director Innovation & Business Development“ bei der Schweizer cereneo AG, die Patienten mit neurologischen Erkrankungen rehabilitiert (www.cereno.ch)

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Autor

Michael J. John