Rente / 25.04.2019

"Rente mit 63 verstärkt Fachkräftemangel"

Arbeitgeberverbände sehen Befürchtung eines Mangels an qualifizierten Beschäftigten bestätigt. Es gibt aber auch andere Stimmen.

Männer zeichnen Bauplan – Bildnachweis: gettyimages.de © PeopleImages

Berlin (dpa/sth). Der Fachkräftemangel in Deutschland wird nach Ansicht des Arbeitgeberverbandes BDA durch die abschlagsfreie Rente mit 63 noch verstärkt. "Das ist eine schwere Hypothek nicht nur für unsere Rentenkasse, sondern auch für unseren Arbeitsmarkt", sagte der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter, der Deutschen Presse-Agentur. Der Fachkräftemangel in Deutschland werde "mit einer fehlgeleiteten Rentenpolitik" weiter befeuert. Kampeters Angaben zufolge sind in den vergangenen zwei Jahren rund eine Viertelmillion Fachkräfte pro Jahr bundesweit vorzeitig in Rente gegangen. Dies seien deutlich mehr als von der Bundesregierung ursprünglich prognostiziert.

Seit Juli 2014 können Arbeitnehmer nach mindestens 45 Jahren Einzahlung in die Rentenkasse bereits ab 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. Von dieser Regelung machten nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung in den vergangenen drei Jahren rund 735.000 Arbeitnehmer Gebrauch. Ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums sagte, die Zahlen lägen im erwarteten Bereich. Er verwies zudem darauf, dass die Erwerbsbeteiligung Älterer in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen sei.

Verdi-Chef Frank Bsirske entgegnete auf die Arbeitgeberkritik: "Ich finde die Entscheidung richtig, die Rente mit 63 zu ermöglichen." Die Alternative wäre, noch mehr Menschen, die hart gearbeitet haben und den Belastungen nicht mehr standhalten können, mit gekürzten Renten und Abschlägen nach Hause zu schicken, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND/ Donnerstag). "Das wäre ungerecht."

DIW: Beschäftigte in Handwerksberufen und Pflege profitieren

Menschen, die studiert haben, können kaum von der Regelung der abschlagsfreien Rente profitieren. "Auf Akademiker trifft die abschlagsfreie Rente mit 63 eher nicht zu, weil sie nicht auf 45 Berufsjahre kommen", sagte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Viel eher sei sie in Bereichen mit Ausbildungsberufen wie dem Handwerk oder der Pflege zu finden.

"Nicht jeder, der in Rente geht, ist auch endgültig weg vom Arbeitsmarkt", sagt Brenke. Daher sieht er den Effekt einer möglichen Zunahme des Fachkräftemangels durch die abschlagsfreie Rente aktuell als "nicht besonders großen Effekt." Der Arbeitsmarkt reagiere relativ flexibel darauf. Mit Inkrafttreten der abschlagsfreien Rente gab es Brenke zufolge mehrere Jahrgänge, die zeitgleich in Rente gehen konnten. Dieser Effekt sei zu Beginn der Reform allerdings größer ausgefallen als zuletzt. Das liege unter anderem daran, dass die Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer, die für die Rente mit 63 geeignet wären, in den vergangenen Jahren gestiegen sei. Dadurch würde sich die Zunahme eines Fachkräftemangels etwas relativieren.

Das Ausscheiden von Arbeitnehmern kann Betriebe vor eine große Herausforderung stellen. Vor allem kleinere Betriebe versuchen nach Einschätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Fachkräfte zu halten, die einen Anspruch auf eine abschlagsfreie Rente hätten. Nach Angaben des IAB wird die Zahl der älteren Arbeitnehmer sinken, wenn die Jahrgänge der sogenannten Babyboomer-Generation – also derjenigen, die zwischen Ende der 1950-er Jahre und Mitte der 1960er geboren sind, vollständig in Rente sind. Dann verkleinere sich das gesamte Potenzial an Arbeitskräften.

Mehr zum Thema:

www.bmas.de

Weitere Informationen zur Rente mit 63 vom Bundessozialministerium (BMAS)

Autor

 Deutsche Presseagentur