Rente / 18.04.2019

Rente mit 67: Risiko für Problemgruppen

Laut einer DIW-Studie werden auch künftig etwa 40 Prozent der Arbeitnehmer nicht aus einem Job in die Rente wechseln.

Älteres Ehepaar sitzt im Wartezimmer eines Amtes – Bild: f1online.de © Javier Larrea

Berlin (sth). Trotz der positiven Arbeitsmarktentwicklung im vergangenen Jahrzehnt erreichen viele ältere Beschäftigte auch heute noch nicht das gesetzliche Renteneintrittsalter. Deshalb scheint eine Anhebung des Rentenalters über das 67. Lebensjahr hinaus mit großen sozialpolitischen Risiken behaftet. Das schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Nur bei einem weiter verbesserten Arbeitsmarkt für Ältere würden "Übergänge aus Erwerbslosigkeit in die Altersrente abnehmen", heißt es in der Studie.

„Gerade für Menschen, die ohnehin auf dem Arbeitsmarkt schlecht dastehen, wird es schwierig sein, sich an die neuen Altersgrenzen anzupassen", beschreibt DIW-Rentenexperte Johannes Geyer eine zentrale Erkenntnis der von ihm und drei weiteren DIW-Forschern erstellten Analyse. Deshalb würden auch künftig etwa 40 Prozent der Neurentnerinnen und -rentner nicht aus dem Beruf direkt in den Ruhestand treten. Am besten könnten sich jene Arbeitnehmer an ein späteres Rentenalter anpassen, die "in stabilen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, ein hohes Bildungsniveau haben und die sich guter Gesundheit erfreuen", so Geyer. 

Zwei Arbeitsmarktszenarien – unterschiedliche Folgen im Alter

Anhand von zwei verschiedenen Arbeitsmarktszenarien und mit einem Mikrosimulationsmodell analysierte das DIW die Folgen der Anhebung des regulären Renteneintrittsalters bis zum Jahr 2032 – das Jahr, nachdem die Einführung der Rente mit 67 abgeschlossen ist. Das tatsächliche Renteneintrittsalter wird demnach in den kommenden Jahren schätzungsweise um durchschnittlich 1,2 bis 1,5 Jahre steigen – je nach der Entwicklung des Arbeitsmarktes für ältere Arbeitnehmer. Für höher gebildete Personen verschiebe sich der Renteneintritt "mit 1,6 bis zwei Jahren allerdings deutlich stärker als für Personen mit geringer oder mittlerer Bildung", prognostizieren die Wissenschaftler.

Das Altersarmutsrisiko drohe sich deshalb für gesundheitlich angeschlagene Arbeitnehmer mit der Anhebung der Altersgrenzen in den kommenden Jahren "noch zu verstärken", so das DIW-Forscherteam. Daher könne die Ausdehnung der Lebensarbeitszeit – die das DIW wegen der demografischen Entwicklung generell für "absolut geboten" hält – zu einer stärkeren Einkommensungleichheit unter den Rentnerinnen und Rentnern beitragen, "wenn ihre Folgen für bestimmte Gruppen nicht klug abgefedert sind".

Trotz Reformen: Probleme für Risikogruppen bleiben

Trotz der jüngsten Rentenreformen wie "Flexirente" und verbesserten Erwerbsminderungsrenten müssten gesundheitlich beeinträchtigte Arbeitnehmer immer noch häufig vorzeitig – und mit hohen Abschlägen – aus dem Erwerbsleben ausscheiden, heißt es in der Studie weiter. "Diesen Menschen könnten günstigere Bedingungen für einen gleitenden Übergang aus dem Erwerbsleben in die Rente helfen." Bisher helfe die Flexirente dabei jedoch nicht erkennbar weiter, so das DIW. Deshalb seien weitere "flankierende Maßnahmen notwendig", um die Belastungen älterer Arbeitnehmer zu begrenzen, die bereits vor der Regelaltersgrenze (derzeit 65 Jahre und acht Monate, d.Red.) mit Abschlägen oder aus der Arbeitslosigkeit heraus in Rente gehen müssten.

Konzepte wie die von der Bundesregierung geplante Grundrente gingen zwar "in diese Richtung", schreiben die Wissenschaftler. Die dafür vorgesehene Voraussetzung von 35 Beitragsjahren würden aber nicht alle gefährdeten Beschäftigten im Niedriglohnbereich erreichen. Für Arbeitnehmer mit langen gesundheitlich bedingten Unterbrechungen im Beruf, die nicht auf die für die Grundrente geforderte Versicherungszeit kommen und deutlich vor der Regelaltersgrenze aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssten, sollten deshalb "zusätzliche Reformen" eingeführt werden, fordern die DIW-Rentenexperten.

Mehr zum Thema:

www.diw.de

DIW-Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zu Folgen der Altersgrenzenanhebung (im pdf-Format)

www.diw.de

Interview mit DIW-Rentenexperte Johannes Geyer zu Ergebnissen der vorgestellten Studie (im pdf-Format)

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen