Rente / 03.08.2021

Rente: Reformbedarf trotz rosiger Aussichten für Rentner

Die 21 Millionen Rentner können 2022 und 2023 wohl höhere Renten bekommen. Wie verändern politische Entscheidungen das Rentensystem?

Bild zum Beitrag "Rente: Reformbedarf trotz rosiger Aussichten für Rentner". Das Bild zeigt ein älteres Paar lachend am Frühstückstisch.

Berlin (dpa). Für die mehr als 20 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland ist im Wahlkampfsommer 2021 eines ziemlich sicher: Nach der Nullrunde in diesem Jahr werden ihre Bezüge im kommenden Jahr voraussichtlich wieder spürbar steigen. Doch die rosigen Aussichten sind nicht für alle Grund zur Beruhigung. "So wie es jetzt ist, wird das Rentensystem nicht dauerhaft bestehen können", sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. In den Wahlprogrammen der großen Parteien spiegelt sich der Reformbedarf teils in weitreichenden Vorschlägen wider.

AKTUELLER AUSBLICK FÜR DIE RENTNER: In diesem Jahr hat Corona die Rentnerinnen und Rentnern um eine Erhöhung gebracht. Im Westen gab es gar kein Plus, in Ostdeutschland 0,72 Prozent. Grund war der konjunkturbedingte Einbruch der Beitragseinnahmen bei der Rentenkasse. Doch eine Trendumkehr steht bevor – mit deutlich steigenden Renten im Juli 2022. 4,8 Prozent mehr könnte es in den alten Ländern dann laut Rentenversicherungsbericht geben, 2023 3,15 Prozent - in Ostdeutschland sogar 5,56 und dann 3,88 Prozent.

GRUNDRENTE KOMMT BEI IMMER MEHR MENSCHEN AN: Es dürfte für Hunderttausende Rentnerinnen und Rentner sogar noch etwas mehr werden im kommenden Jahr – nämlich wenn sie erstmals Grundrente ausbezahlt bekommen, und zwar rückwirkend ab Anfang 2021. Denn damals startete der Aufschlag für langjährige Geringverdiener offiziell. Doch der Aufbau der Datensysteme dauerte so lange, dass erst im Juli die ersten Anspruchsberechtigten Grundrentenbescheide erhielten. Bis Ende 2022 soll es dauern, bis aus den 26 Millionen Rentenkonten die geschätzten 1,3 Millionen Menschen herausgesiebt sind, die Anspruch auf den Zuschlag haben.

PROBLEME DER KOMMENDEN JAHRE: Die alles in allem guten Rentenjahre dürften aber vorbeigehen. "Wenn die Jahrgänge, die in den 60er Jahre geboren wurden, in Rente gehen, wird das Verhältnis zwischen Leistungsempfängern und Einzahlern immer ungünstiger", mahnt Dulger. Steuermittel decken schon heute bereits rund 30 Prozent der Renten-Ausgaben - mehr als ein Viertel seines Haushalts gibt der Bund dafür aus. Soll der Bund immer mehr zur umlagefinanzierten Rente zuschießen? Oder sollen gar Beiträge steigen oder Leistungen sinken? Eine Antwort sollte eine von der Regierung eingesetzte Rentenkommission vergangenes Jahr liefern. Bei ihr prallten die Meinungen aber teils so unversöhnlich aufeinander, dass einige Kommentatoren von einem Scheitern sprachen.

Rente erst nach 67: Unpopulär – aber notwendig?

DEBATTE ÜBER SPÄTERES RENTENALTER: Für Dulger ist die Sache klar: "Wir kommen nicht um eine Diskussion über ein steigendes Renteneintrittsalter herum", sagt der Arbeitgeberpräsident. Doch wann soll die Arbeit enden? Nach geltender Rechtslage wird die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium schlug im Juni vor, dass bei steigender Lebenserwartung zusätzliche Jahre aufgeteilt werden in Arbeitsjahre und Rentenbezug. Bei Koppelung an die Lebenserwartung würde das Rentenalter im Jahr 2042 mit 68 Jahren erreicht, so der Beirat. Doch stoßen solche Vorstöße auf vehemente Ablehnung etwa von Gewerkschaften. Über das Renteneintrittsalter - so sagen sie - müsse auch künftig politisch entschieden werden, längeres Arbeiten wäre eine Rentenkürzung durch die Hintertür, und viele könnten gesundheitlich gar nicht so lange arbeiten.

LÄNGERES ARBEITEN: Die Forderung nach späterer Rente ist so unpopulär, dass etwa die Union in ihrem Wahlprogramm nur ankündigt: "Wir wollen den Menschen helfen, das tatsächliche Regelrenteneintrittsalter zu erreichen." Tatsächlich ist schon heute bei vielen nicht mit 67 Schluss. So waren im vergangenen Jahr 1,04 Millionen Beschäftigte 67 Jahre oder älter. Fast 600 000 hatten noch im Alter ab 70 einen regelmäßigen Job. Fast 220 000 waren sogar mindestens 75 Jahre alt - und 72 000 Beschäftigte mindestens 80 Jahre. Unter den Menschen mit einer Beschäftigung ab 67 sind 800 000 Minijobberinnen und –jobber. Sie müssen sich nicht sozialversichern und die zusätzlichen Einnahmen nicht versteuern. Einerseits fühlen sich Menschen im Rentenalter nicht unbedingt reif für den Ruhestand. Vor allem Frauen sind laut Experten aber auch oft auf einen Zuverdienst zur Rente angewiesen. Die Statistik zeigt: Besonders viele Betroffene arbeiten in einem Büro, als Putzkraft oder als Fahrerin oder Fahrer. 

Autor

 Deutsche Presseagentur