Rente / 04.02.2021

Rentenalter: Haben wir eine Kultur des Frühausstiegs?

Eine Studie wirft die Frage auf, wie lange Menschen in Deutschland arbeiten wollen oder müssen. Das hängt nicht zuletzt von der Gesundheit ab.

Bild zum Beitrag "Rentenalter: Haben wir eine Kultur des Frühausstiegs?". Das Bild zeigt eine Frau und einen Mann beim Gespräch in einem Warenlager.

Bad Homburg (sth). Der Rentenbeginn von Beschäftigten und Selbstständigen in Deutschland hängt nicht nur vom gesetzlichen Rentenalter, sondern von einer Vielzahl von Faktoren und Einstellungen ab, die sich im Laufe des Lebens oft ändern. Dabei bewegt sich der Wunsch zu arbeiten zwischen einer "'Kultur des Frühausstiegs' in der deutschen Erwerbsbevölkerung" auf der einen Seite und der gesetzlich vorgegebenen steigenden Altersgrenze auf der anderen. Für Menschen in besonders belastenden Berufen sollten in dieser Situation Wege gefunden werden, die auch "einen frühen Ausstieg aus dem Erwerbsleben in Würde ermöglichen". Das ist das Ergebnis einer jetzt in der Zeitschrift "Deutsche Rentenversicherung" veröffentlichten Studie des Wuppertaler Mediziners und Arbeitswissenschaftlers Hans Martin Hasselhorn.

Die Rahmendaten der Diskussion um Lebensarbeitszeit und Rentenalter sind bekannt: Die allgemeine Lebenserwartung ab dem Alter von 65 Jahren steigt weiter – wenn auch nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung nur noch langsam. Zudem ist die durchschnittliche Zeit des Rentenbezugs auf fast 20 Jahre gestiegen. Dieser Entwicklung hat die Bundesregierung seit 2012 mit der Anhebung des Rentenalters auf 67 Rechnung getragen. Allerdings musste zugleich jeder sechste Neurentner des Jahres 2019 aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig den Beruf an den Nagel hängen. Für diese Beschäftigten, die im Schnitt mit nicht einmal 53 Jahren vorzeitig in Rente gehen müssen, sind die Verbesserungen der Erwerbsminderungsrente seit 2014 von großer Bedeutung. 

Einstellung zum Beruf ändert sich mit Alter und Erfahrungen

Bemerkenswert ist nach Ansicht Hasselhorns vor allem, wie sich die Einstellung zur Arbeit und dem Wunsch nach Rente im Laufe des Lebens je nach persönlicher Erfahrung verändert. "So beeinflusst die Vorstellung davon, wie lange man noch leben wird, durchaus den gewünschten Zeitpunkt des Erwerbsaustritts", heißt es in seiner Studie. Das "unmittelbare Erleben der eigenen Arbeit und Gesundheit" scheine sich stärker auf den persönlichen Wunsch nach längerer oder kürzerer Lebensarbeitszeit auszuwirken. Hasselhorns Befund: "Bereits im frühen Erwerbsalter scheint man das wahrgenommene Gesundheitsrisiko der eigenen Tätigkeit mit dem Alter, bis zu dem man erwerbstätig sein kann, in Verbindung zu bringen", stellt der Mediziner fest.

Zugleich scheint nach Erkenntnis Hasselhorns für jüngere Erwerbstätige die Perspektive einer Jahrzehnte andauernden Erwerbslaufbahn noch generell eher abschreckend zu sein. Dagegen könnten sich ältere Beschäftigte mit zunehmendem Alter ein Festhalten am Job immer besser vorstellen. So manche ältere Beschäftigte würden mit Blick auf das, was der Beruf von ihnen fordert und ihnen gibt, im letzten Jahrzehnt vor der Rente "feststellen, dass sie durchaus länger erwerbstätig sein können und wollen" als zu einem früheren Zeitpunkt eingeschätzt, so der Wuppertaler Forscher. Auf der anderen Seite stünden jedoch diejenigen, für die der "frühe Austritt immer dringlicher wird". Für diese Beschäftigten sollte eine "ausreichende finanzielle Absicherung im Ruhestand" sichergestellt werden, fordert Hasselhorn.

 

 

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Autor

Stefan Thissen