Rente / 12.07.2022

Rentenhöhe sagt wenig über die Lebenserwartung aus

Rentenexperte Thiede: Zusammenhang zwischen Lebenseinkommen und Länge des Lebens lässt sich nicht auf den Rentenanspruch ausweiten.

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Dr. Reinhold Thiede, Leiter des Geschäftsbereichs Forschung und Entwicklung bei der Deutschen Rentenversicherung Bund

Köln/Frankfurt (sth). Dass gut verdienende Beschäftigte in aller Regel eine höhere Lebenserwartung als Geringverdienerinnen und -verdiener haben, ist seit Langem durch die Forschung nachgewiesen. Einen vergleichbaren Zusammenhang zwischen der Höhe des Rentenanspruchs und der Lebenserwartung gibt es jedoch nicht. Auf diesen scheinbaren Widerspruch hat jetzt der Forschungs-Chef der Deutschen Rentenversicherung (DRV), Reinhold Thiede, in einem Beitrag für die Zeitschrift "IW-Trends" des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aufmerksam gemacht.

Demnach lässt sich nur für die 30 Prozent – im Wissenschafts-Deutsch: die drei Dezile – der Beschäftigten mit der höchsten Zahl von Renten-Entgeltpunkten "ein positiver Zusammenhang zwischen der Summe der Entgeltpunkte und der Lebenserwartung feststellen", schreibt Thiede unter Verweis auf eine bisher nur in Fachkreisen bekannte Studie der Sozialforscher Nicole Brumm und Matthias Römer. "Für die übrigen 70 Prozent aller Versicherten gilt dagegen der umgekehrte Zusammenhang: Mit zunehmender Zahl der Entgeltpunkte sinkt die Lebenserwartung", so der DRV-Experte. Ein Entgeltpunkt ist der Rentenanspruch eines Durchschnittsverdieners (derzeitiger Jahresbruttolohn: rund 38.900 Euro), der ein Jahr lang Rentenbeiträge gezahlt hat. 

Frauen erwerben weniger Rentenansprüche, leben aber länger als Männer

Diese Wirkung beruhe auf einem sogenannten Kompositionseffekt, erläutert Thiede. Da Frauen im Schnitt weniger Renten-Entgeltpunkte erwerben würden als Männer, "sind sie in den unteren Entgeltpunkt-Dezilen überproportional vertreten". Wegen ihrer im Vergleich zu Männern höheren Lebenserwartung würden Frauen andererseits die durchschnittliche Lebenserwartung in den unteren Gehaltsgruppen "überhöhen", schreibt der DRV-Experte. Aus seiner Sicht besonders bemerkenswert: Unter den 60 Prozent der Beschäftigten mit den geringsten Einkünften sei die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen "weitgehend gleich", Männer in den untersten Einkommensgruppen hätten sogar eine um "mehr als 14 Prozent höhere durchschnittliche Lebenserwartung" als Männer im mittleren Gehaltsbereich.

Dass kein positiver Zusammenhang zwischen der Höhe des Rentenanspruchs und der Lebenserwartung feststellbar sei, hat nach Angaben Thiedes verschiedene Ursachen. So seien für alle Erwerbstätigen, die nicht zeit ihres Berufslebens rentenversichert sind, die erworbenen "Rentenansprüche kein verlässlicher Indikator für das Lebenseinkommen". Zudem spiele das Gesamteinkommen eines Haushalts, das sich entscheidend zum Beispiel auf den sozialen Status, das Gesundheitsbewusstsein oder den Bildungsstand auswirkt, "bei der Ermittlung der Rentenanwartschaften keine Rolle". Schließlich hätten manche Teilzeitbeschäftigte, die mit ihrem Job nur geringe Rentenansprüche erzielen, weitere Einkünfte aus einer nicht-rentenversicherten selbstständigen Erwerbstätigkeit, erläutert Thiede. Diese Einnahmen würden aber die spätere Rente nicht erhöhen.

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Autor

Stefan Thissen