Soziales / 07.01.2019

Richtig vorgehen beim Lehrstellenwechsel

Statt die Ausbildung gleich abzubrechen, lieber erst mal die Lehrstelle wechseln. Dabei gibt es einiges zu beachten.

Ausbildung im Labor – Bildnachweis: gettyimages.de © Westend61

Berlin/München (dpa/tmn). Da ist dieses mulmige Gefühl, jeden Morgen zum Arbeitsbeginn. Ein Unwohlsein, vielleicht Überforderung, vielleicht unerfüllte Erwartungen. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, die dazu führen können, dass Auszubildende sich in ihrem Lehrbetrieb nicht wohlfühlen. Ob fachliche, betriebliche oder zwischenmenschliche Differenzen – wenn die Unzufriedenheit zu groß wird, heißt es, die Reißleine zu ziehen.

Laut des aktuellen Datenreports zum Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) tat das 2016 etwa jeder vierte Auszubildende. Mit 25,8 Prozent vorzeitig gelöster Ausbildungsverträge war die Zahl der Lehrlinge, die ihren Lehrbetrieb frühzeitig verließen, auf einem Rekordhoch. Doch eine Vertragslösung bedeutet nicht immer auch einen Ausbildungsabbruch. Oft kann der Wechsel in einen anderen Lehrbetrieb helfen.

Das Problem ansprechen und Hilfe holen

„Zunächst sollte man aber versuchen, die Probleme anzusprechen, dabei kann vieles bereits geklärt werden“, sagt Daniel Gimpel von der Jugendabteilung im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Auf jeden Fall gilt es, sich Hilfe zu holen“, rät Gimpel. Bei Problemen und Sorgen rund um die Ausbildung ist der Ausbildungsverantwortliche des Betriebs in der Regel der erste Ansprechpartner. Auch ein Gespräch mit anderen Kollegen, dem Betriebsrat, der zuständigen Kammer, der Gewerkschaft oder einer Ausbildungsberatung kann hilfreich sein.

Vor einer Kündigung muss ein Plan B her

Selbst wenn es später zur Kündigung kommen sollte, ist es wichtig, vorab mit den Verantwortlichen über mögliche Pflichtverletzungen des Ausbildungsbetriebs gesprochen zu haben. Wenn sich trotzdem nichts ändert, hat der Lehrling unter Umständen einen Grund zur Kündigung.

Vor jeder Kündigung muss jedoch ein Plan B her. „Man sollte nie kündigen, bevor man nicht weiß, wie es weitergehen soll“, rät Sabrina Schittel vom Projekt „azuro – Ausbildungs- & Zukunftsbüro“, einer Beratungseinrichtung für Azubis in München. Denn wer kündigt, ohne eine neue Lehrstelle vorweisen zu können, riskiert zu viele Fehlzeiten während der Ausbildung. Das könnte wiederum dazu führen, dass die zuständige Kammer die Ausbildungszeit verlängert.

Wenn die Entscheidung gefallen ist, dann zügig handeln

Ist die Entscheidung zum Lehrstellenwechsel gefallen und eine Perspektive gefunden, gilt: Je eher man geht, desto besser. „Wenn ich trotz aller Bemühungen weiß, dass die Ausbildung oder der Lehrbetrieb nichts für mich ist, macht es keinen Sinn, eine Kündigung künstlich in die Länge zu ziehen“, sagt Florian Kaiser, Leiter der Bildungsberatung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) München/Oberbayern.

Ganz im Gegenteil: Nur wer während der Probezeit kündigt, kann dies jederzeit und ohne Angabe von Gründen tun. Auch die Prüfungszeiträume sind zu bedenken: „Es wäre gut, nicht erst kurz vor der Zwischenprüfung zu kündigen, wenn man Zeit und Nerven braucht, um sich vorzubereiten“, rät Gimpel.

Nach der Probezeit ist eine Kündigung schwerer

Ist die Probezeit bereits verstrichen, wird es ungleich schwerer, dem Lehrbetrieb zu kündigen und die Ausbildung trotzdem fortzusetzen. Nur, wer den Beruf wechseln oder die Ausbildung aufgeben möchte, kann den Ausbildungsvertrag mit einer Frist von vier Wochen kündigen.

Wer dagegen lediglich die Lehrstelle wechseln möchte, muss fristlos kündigen. Dazu müssen dem Betrieb Pflichtverstöße vorzuwerfen sein, etwa was die Bereitstellung von Arbeitsmaterialien, das Führen eines Berichtshefts oder die Einhaltung des Jugendarbeitsschutzgesetzes angeht.

Aber auch sexuelle Belästigung, Diskriminierung oder unbezahlte Überstunden sind Kündigungsgründe.

Fristlose Kündigung nur mit professioneller Hilfe

Eine fristlose Kündigung sollte nie ohne professionelle Hilfe geschrieben werden, denn die formalen Anforderungen sind hoch. Eine bessere Alternative kann ein Aufhebungsvertrag sein. „Da ist das Hindernis, dass beide Parteien dem Vertrag zustimmen müssen“, sagt Sabrina Schittel. In einem Aufhebungsvertrag kann die Austrittsfrist in Absprache mit dem Unternehmen selbst formuliert werden.

„Man sollte immer beachten, wie viele Urlaubstage einem noch zustehen und wie die Überstunden ausgeglichen werden sollen“, so die Sozialpädagogin. Daneben sind die rechtzeitige Ausstellung des Arbeitszeugnisses und die Aktualisierung des Berichtshefts wichtig.

Die Berufsschule informieren

Azubis müssen auch die Berufsschule über die anstehenden Änderungen informieren. Denn die Schule ist gesetzlich nicht verpflichtet den Lehrling weiter zu unterrichten, wenn er nicht mehr in einem Ausbildungsverhältnis ist. „Viele Berufsschulen drücken noch ein Auge zu und gewähren eine Überbrückungszeit. Die muss aber vorher abgesprochen sein“, so Schittel.

Nur die Berufsschule, nicht aber den Betrieb zu wechseln, ist schwierig. Welche Berufsschule zuständig ist, richtet sich nach dem Sitz des Ausbildungsbetriebs. Zwar können Lehrlinge Gastschulanträge an anderen Berufsschulen stellen, doch im Gegensatz zu der zugewiesenen Schule ist eine Gastschule nicht dazu verpflichtet, den Lehrling zu unterrichten.

Anerkennung von Vorkenntnissen im neuen Betrieb

Ganz ähnlich sieht es bei der Anrechnung bereits erbrachter Leistungen im vorangegangenen Lehrbetrieb aus. Der neue Betrieb kann die Vorkenntnisse anerkennen, er muss es aber nicht. In der Praxis gibt es dabei aber selten Probleme, weiß Sabrina Schittel: „Unserer Erfahrung nach kann die Ausbildung meist an der Stelle weitergeführt werden, wo sie beendet wurde.“

Weitere Informationen

www.bibb.de
Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2018 des BIBB (PDF)

Autor

 Deutsche Presseagentur