Rente / 10.07.2020

Rücknahme von Rentenreformen brächte hohe Lasten

Laut einer EZB-Studie über Deutschland und die Slowakei würde die Staats­schul­den­quote hierzulande bis 2070 um 100 Pro­zent­punkte anstei­gen.

Bild zum Beitrag "Rücknahme von Rentenreformen brächte hohe Lasten". Das Bild zeigt von unten zahlreiche Länder-Flaggen vor blauem Himmel.

Brüssel (dsv/s-w/sth). Eine Rücknahme der in den vergangenen Jahrzehnten beschlossenen Rentenreformen würde die Staatshaushalte in Deutschland und in der Slowakei langfristig erheblich belasten. Das geht aus einer Studie im Auftrag der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) hervor. Demnach würde in Deutsch­land schon in einem sogenannten Base­line sce­na­rio die Staats­schul­den­quote bis 2070 um 100 Pro­zent­punkte anstei­gen, d.h. von zuletzt ca. 60 Prozent auf 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Auswirkungen der Corona-Krise sind in der Studie noch nicht berücksichtigt.

Das EZB-Papier greift nach Angaben des europäischen Büros der Deutschen Sozialversicherung (DSV) in Brüssel Pro­jek­tio­nen des "Age­ing Report 2018" auf und ent­wi­ckelt sie mit einer eige­nen Methode wei­ter. Dies sei am Bei­spiel von nur zwei Län­dern geschehen: Deutsch­land und Slo­wa­kei. Deutsch­land wird der DSV zufolge in der Studie wegen der sogenannten dop­pel­ten Hal­t­el­i­nie kritisch gesehen. Die Haltelinie stellt gesetzlich sicher, dass das Rentenniveau bis zum Jahr 2025 nicht unter 48 Prozent fal­len und der Bei­trags­satz zur Rentenversicherung nicht über 20 Prozent stei­gen darf.

Aktuelle doppelte Haltelinie bis 2040?

Es gebe Über­le­gun­gen, diese Haltelinien bis zum Jahr 2040 aus­zu­deh­nen, heißt es in der EZB-Studie – die offenbar die Ergebnisse der Rentenkommission vom März dieses Jahres noch nicht berücksichtigt hat. Auf­merk­sam betrach­tet werde auch die Ein­füh­rung einer Grund­rente, schreibt die DSV, "wobei diese offen­bar noch nicht ein­mal in die wei­te­ren Pro­jek­tio­nen ein­be­zo­gen wur­de". Die Slo­wakei habe ihrerseits eine bereits beschlossene auto­ma­ti­sche Anpas­sung des Ren­ten­al­ters an die Lebens­er­war­tung wie­der rück­gän­gig gemacht. "Die Folge: Das Ren­ten­al­ter wird bis 2045 auf 64 Jahre ange­ho­ben, und bei die­sem Alter bleibt es dann auch", kommentiert die DSV die Ergebnisse der EZB-Studie. Außer­dem seien gene­röse Anpas­sun­gen der Basis-Rente beschlos­sen wor­den.

Als Alternative zu der von der EZB für notwendig erachteten weiteren Anhebung des Rentenalters bieten sich der Studie zufolge eine drastisch Senkung des Rentenniveaus oder eine erhebliche Anhebung des Rentenbeitrags an. Möglich sei aber "natür­lich immer auch eine Kom­bi­na­tion der Maß­nah­men". Bei einer Refor­mum­kehr unterstellt die EZB für Deutsch­land, dass die „dop­pelte Hal­t­el­i­nie“ bis zum Jahr 2040 aus­ge­dehnt werde. In diesem Fall werde die Schul­den­quote, ver­gli­chen mit dem base­line-Sce­na­rio, um wei­tere 60 Pro­zent­punkte anstei­gen.

Mehr zum Thema:

https://papers.ssrn.com

EZB-Studie zu den finanziellen Folgen einer Rücknahme von Rentenreformen in Deutschland und in der Slowakei (pdf, englisch)

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Autor

Stefan Thissen