Finanzen / 30.06.2020

Schafft es Deutschland wieder raus aus den Schulden?

Der Staat schnürt ein gigantisches Konjunkturpaket und nimmt dafür immense Schulden auf. Kann das gutgehen?

Finanzcharts und Aktienkurven vor Börsenkursen mit Stapeln von Münzen im Vordergrund.

Es knallt in der deutschen Wirtschaftspolitik. Da wird die „Bazooka“ ausgepackt und ein Konjunkturpaket geschnürt, das mit „Wumms“ aus der Corona-Krise hilft – so Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Die Summen sind gigantisch: Das Konjunkturprogramm wird den Bundeshaushalt 2020 und 2021 rund 120 Milliarden Euro kosten. Zur Finanzierung pumpt sich der Staat viele Milliarden Euro. Zu attraktiven Zinsen.

Für die sorgt die EZB, obgleich ihre Aufgabe nicht die Entschuldung öffentlicher Haushalte, sondern Geldwertstabilität ist: Unter der Führung von Christine Lagarde weitet die EZB ihr Anleihen-Programm massiv aus. Zu den bereits fest geplanten 750 Milliarden Euro kommen nochmal 600 Milliarden. Der Leitzins bleibt bei null Prozent. Die Wertpapierkäufe und der Magerzins helfen Konzernen und Staaten. Wenn die Zentralbank als großer Nachfrager auftritt, müssen sie für ihre Staats- und Unternehmensanleihen nur wenig Zinsen zahlen.

Die Frage, die sich daran anschließt, ist: Wann kann der Staat den Schuldenberg wieder abtragen?

Der Weg aus der Finanzkrise

Es gibt eine Blaupause für die Strategie: Als die Finanzkrise die Bankentürme und mit ihnen den Industrieschloten das Beben lehrte, zögerte die Regierung nicht und lieh sich Geld – viel Geld. Das Verhältnis zwischen Schulden und Bruttoinlandsprodukt (die Staatsschuldenquote), stieg von 60 auf 80 Prozent. Für 2019 weist die Bundesbank eine Staatsschuldenquote von 59,8 Prozent aus. Erstmals seit 2002 sei die Quote unter 60 Prozent gesunken, so die Bundesbank.

Jetzt ist die Krise tiefer, länger, teurer. Auf 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts könnte die Staatsschuldenquote steigen. Aus der Finanzkrise ist Deutschland gut rausgekommen. Und aus der Corona-Krise?

Bezahlt hat Deutschland seine Schulden aus der Finanzkrise mit Wirtschaftswachstum: Der Bankenkrise folgte ein Aufschwung. Die Industrie exportierte so fleißig, dass der deutsche Außenhandelsüberschuss anderen Ländern sauer aufstieß. Flankiert von sprudelnden Steuereinnahmen, stets steigender sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und dank günstiger Zinsen konnte der Staat sich eines Großteils der Schulden schnell entledigen.

Die Risiken der Verschuldung

Genau darin liegen auch die Risiken der Schuldenlast: Es ist nicht ausgemacht, dass der Wirtschaftsmotor wieder so an Fahrt gewinnt, dass neben dem Aufholen des Corona-Minus auch ein solides Wachstum wieder möglich ist. Ideal wäre eine nahezu krisenfreie Nach-Corona-Phase. Keine zweite Pandemie, kein Kriegskonflikte, keine Handelskriege, keine Zuspitzung der Klimakrise mit Ernteausfällen und Extremwetterereignissen.

Ein zweiter Unsicherheitsfaktor ist das Vertrauen: Deutschland ist ein solider Gläubiger mit besten Ratingnoten. Was aber wenn die institutionellen Anleger ihr Vertrauen verlieren? Dann verlangen sie höhere Risikoaufschläge. Das macht Schulden teuer und verlängert den Abtrag.

Deutschland profitiert weiter von Niedrigzinsen

Wie schnell Deutschland aus der Rezession kommt, ist noch nicht abschätzbar. Noch ist keine Impfung oder ein Medikament gegen COVID-19 gefunden. Es gibt aber erste Stimmen: Nach Einschätzung von Allianz Global Investor wird Deutschland seinen durch die Corona-Krise anschwellenden Schuldenberg in absehbarer Zeit wieder auf eine tragfähige Größe reduzieren können.

„Deutschland schafft den Abstieg vom Schuldengipfel – aber hauptsächlich dank extrem niedriger/negativer Zinsen“, so das Fazit einer aktuellen Studie von Allianz-Volkswirt Hans-Jörg Naumer. „Wer sich billigst refinanzieren oder – bei negativen Zinsen – gar mit neuen Schulden alte Schulden teilweise tilgen kann, braucht das Abtragen des Schuldenbergs wenig zu fürchten“, schreibt Naumer. Nach seinen Berechnungen könnte Deutschland 2036 die 60-Prozent-Marke bei der Staatsschuldenquote wieder unterlaufen. Es bleibt aber eine Rechnung mit Unbekannten.

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Autor

Michael J. John