Soziales / 16.11.2017

Schlüsselthema Ganztagsbetreuung

Die Jamaika-Unterhändler wollen die Ganztagsbetreuung an Grundschulen ausbauen – allerdings unter Finanzierungsvorbehalt. Eine Übersicht.

Berlin (dpa). Ein Rechtsanspruch für Ganztagsbetreuung für Grundschüler. Hört sich gut an – für Millionen von Eltern. Und auch die Wirtschaft dürfte sich bei den Jamaikanern bedanken, fordert sie doch seit langem, mehr Frauen in Vollzeitjobs zu bringen. Die Länder wären sicherlich auch dafür. Nur: Wer bestellt, der zahlt. Und was hat der Bund dann zu sagen? Einen Rechtsanspruch für einen Kita-Platz gibt es bereits – bei ihren Sondierungs-Gesprächen reden Union, FDP und Grüne nun über das Thema Ganztagsbetreuung für Grundschüler.

Was ist der Stand der Dinge bei den Jamaika-Sondierungen?

Die Unterhändler wollen laut einer Absichtserklärung, dass künftig Grundschülern ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung gewährt wird. Es sind allerdings noch viele Fragen offen: Wie soll das Ganze finanziert werden? Welche Mitspracherechte hat der Bund? Soll dafür das sogenannte Kooperationsverbot gekippt werden? Damit wird die Trennung von Bund- und Länderkompetenzen im Bereich der Bildung bezeichnet.

Die FDP bekräftigte am Dienstag, ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung stehe unter Finanzierungsvorbehalt. Länder sollten Geld für Bildung vom Bund nur dann erhalten, wenn es klare Qualitätsvorgaben gebe, sagte FDP-Chef Christian Lindner – etwa mehr gemeinsame Standards und vor allem die Überprüfung durch den Bund.

Was sagen die Kommunen?

Ein möglicher Rechtsanspruch sei „vollkommen falsch“, wetterte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes: „Mit einem Rechtsanspruch schaffen wir keinen einzigen zusätzlichen Betreuungsplatz und wecken unnötig Erwartungen bei den Menschen, die in absehbarer Zeit nicht zu erfüllen sein werden.“ Der designierte neue Präsident des Verbands, Uwe Brandl, warnte vor einer Politik der Versprechen auf Kosten anderer.

Und: Wie soll ein Rechtsanspruch umgesetzt werden? Eine Rolle dürfte auch Angst vor möglichen Klagen spielen, wie beim Kita-Rechtsanspruch, wenn nicht überall ausreichend Plätze zur Verfügung stehen.

Was ist überhaupt eine Ganztagsschule?

Die Kultusministerkonferenz definiert Ganztagsschulen als Schulen, bei denen an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für Schüler bereitgestellt wird, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst. Außerdem soll es für die Schüler an allen Tagen ein Mittagessen geben und die Ganztagsangebote sollen in einem „konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht“ stehen.

Generell ist die Bedeutung von Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Dafür gibt es zwei Hauptgründe. Zum einen der hohe Bedarf nach ganztägiger Betreuung, um Familie und Beruf zu vereinbaren, wie es bei der Kultusministerkonferenz (KMK) heißt. Sprich: Bei mehr Ganztagsbetreuung könnten mehr Eltern in Vollzeit arbeiten – vor allem mehr Frauen. Darauf drängen zum Beispiel Wirtschaftsverbände seit langem.

Dazu kommt zum anderen der PISA-“Schock“: Nach dem schwachen Ergebnissen deutscher Schüler bei internationalen Vergleichsstudien rückte auch die Ganztagsschule in den Fokus. Für viele Wissenschaftler, Lehrer, Eltern und Politiker verbessere ein Ganztagesangebot das schulische Lernen, heißt es bei der KMK.

Wie ist der derzeitige Stand bei der Ganztagsbetreuung?

Etwas mehr als ein Drittel aller Grundschüler in Deutschland besucht bereits eine Ganztagsschule – fast drei Mal so viele wie 2006. Genau genommen lernten im Schuljahr 2015/2016 in der Primarstufe 35 Prozent der Schüler über den ganzen Tag, wie es in einer im Oktober vorgelegten Studie der Bertelsmann-Stiftung heißt, basierend auf Daten der Kultusministerkonferenz. Insgesamt ist die Zahl der Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – quer über alle Schulformen.

Die Eltern von Grundschulkindern jedenfalls legen großen Wert auf eine Ganztagsbetreuung. Wie es in einer im Juli vorgelegten Prognos-Studie für das Familienministerium heißt, sind 76 Prozent der Eltern mit Kindern zwischen 6 und 10 Jahren dafür, dass die Familienpolitik einen Schwerpunkt auf den Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder legen sollte. Die meisten Eltern (83 Prozent) versprechen sich dadurch bessere Chancen für Kinder – etwa durch eine Hausaufgabenbetreuung.

Was würde eine flächendeckende Ganztagsbetreuung für Grundschüler kosten?

Das hängt sehr von der Entwicklung der Schülerzahlen ab sowie vom Bedarf. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung müsste die Politik weitere 1,6 Millionen Ganztagsplätze an Grundschulen schaffen, um bis 2025 für 80 Prozent der Schüler der Primarstufe einen Ganztagsschulplatz anzubieten. Das würde jährlich 1,6 Milliarden Euro an Personal kosten. Für zusätzliche Raumkapazitäten müssten einmalig 8 Milliarden Euro investiert werden.

Weitere Informationen

  • www.bertelsmann-stiftung.de
    Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung vom 17.10.2017
  • www.kmk.org
    Die Kultusminister Konferenz bietet Statistiken zu allgemeinbildenden Ganztagsschulen zum Download an

Autor

 Deutsche Presseagentur