Gesundheit / 01.11.2017

Schnelles Handeln nötig

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute - Verbesserung in der Schlaganfallbehandlung in den letzten Jahren

Offenbach (kjs). Ein Schlaganfall ist immer ein Notfall – doch viele Betroffene oder ihre Angehörigen warten zu lange ab, bevor sie reagieren. Jedes Jahr erleiden rund 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall – der häufigste Grund für eine bleibende Behinderung und Pflegebedürftigkeit.

Ursache ist bei den meisten Betroffenen ist nach Informationen des Universitätsklinikum Heidelberg ein Blutgerinnsel, das eine Hirnarterie und damit die Blutversorgung bestimmter Hirnareale blockiert. Der Durchblutungsstopp im Hirn macht sich durch Ausfallerscheinungen bemerkbar. Typisch sind Probleme beim Sprechen, verschiedenste Sehstörungen, Schwindelanfälle, Taubheitsgefühle oder die schmerzlose Schwäche eines Arms bzw. einer Körperhälfte. Der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Behandlung liegt zunächst meist in der Hand der Betroffenen und ihrer Angehörigen: die Zeit bis zum Eintreffen im Krankenhaus.

Thrombolyse oder Katheterverfahren

Der Betroffene müsse umgehend Medikamente erhalten, die das Gerinnsel auflösen sollen. Bei weniger schweren Schlaganfällen ist die Versorgung inzwischen flächendeckend durch die sogenannten "Stroke Units" (zu Deutsch: Schlaganfalleinheiten) wohnortnah gesichert. Ist eines der großen Hirngefäße verschlossen und das Gerinnsel zu groß, reicht jedoch die Standardtherapie, die sogenannte Thrombolyse, häufig nicht aus. In der Schlaganfallbehandlung hat sich in den letzten Jahren viel getan. Dank eines neuen, wissenschaftlich erprobten und international anerkannten Katheterverfahrens, das in spezialisierten Zentren rund um die Uhr verfügbar ist, haben sich die Chancen, sogar einen schweren Schlaganfall ohne bleibende Schäden zu überleben, enorm verbessert.

Bei diesem als Thrombektomie bezeichneten Verfahren führen Neuroradiologen über einen Katheter von der Leistenarterie einen feinen Draht unter Röntgenkontrolle bis in die Hirnarterie und ziehen das Gerinnsel heraus. "Es ist verblüffend, wie bei Patienten mit schwersten Schlaganfällen z. B. eine halbseitige Lähmung oder eine Sprachstörung teils noch während der Behandlung vollständig verschwinden. Dank dieses Verfahrens haben sich in den letzten drei Jahren die Chancen dieser Patientengruppe auf ein Leben ohne Behinderung von quasi null auf bis zu 70 Prozent verbessert", erläutert Professor Dr. Wolfgang Wick, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg.

Sofortiges Handeln notwendig

Grundsätzlich gilt bei einem Schlaganfall: Je mehr Zeit bis zur Behandlung verstreicht, desto stärker wird das Gehirn geschädigt. In den ersten Stunden nach dem Schlaganfall sterben durchschnittlich 30.000 Nervenzellen pro Sekunde ab. Viele Betroffene schätzen die Lage falsch ein und entscheiden sich dafür, erst einmal abzuwarten. Dabei sollte sofort gehandelt werden, denn Symptome wie halbseitige Lähmungen oder Sprachstörungen verschwinden nicht wieder von allein. "Wer Anzeichen eines Schlaganfalls bei sich oder einem Angehörigen bemerkt, sollte nicht erst die nächste Sprechstundenzeit beim Hausarzt abwarten, sondern sofort den Notruf 112 wählen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit", betont der Heidelberger Neurologe.

Bei der ersten Einschätzung, welche Therapie der Patient benötigt, kommt den Rettungsdiensten eine Schlüsselrolle zu: Reicht voraussichtlich eine medikamentöse Behandlung aus, die sogenannte Thrombolyse, profitiert der Patient am meisten von einem schnellen Transport in das nächstgelegene Krankenhaus mit Schlaganfallstation. Ist der Schlaganfall dagegen so schwer, dass ein Kathetereingriff nötig sein könnte, ist es sinnvoll, einen möglicherweise längeren Anfahrtsweg in ein spezialisiertes Zentrum in Kauf zu nehmen.

Autor

Karl-Josef Steden