Rente / 08.05.2020

"Selbstständige und Beamte in die Rentenversicherung"

IMK-Wissenschaftler plädieren für eine Erwerbstätigenversicherung. Diskussion über das Rentenalter sollte verschoben werden.

Das Bild zeigt eine Menschenmenge, die eine Straße entlangläuft.

Düsseldorf/Bad Homburg (sth). Wenige Wochen, nachdem die Rentenkommission der Bundesregierung ihren Bericht vorgelegt hat, haben sich Rentenexperten des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) bei der Hans-Böckler-Stiftung in die Diskussion um die Zukunft der Rentenversicherung eingeschaltet. In einer neuen Studie zur Verteilung der demografiebedingt steigenden Rentenkosten sprechen sich Camille Logeay, Florian Blank und Rudolf Zwiener für eine Einbeziehung von künftigen Selbstständigen und Beamten in die Rentenversicherung aus. Dies habe gleich "mehrere Vorteile", schreiben die Wissenschaftler. Zudem werde mit einem solchen Schritt "langfristig ein wichtiges Gerechtigkeitsdefizit in der Altersvorsorge beseitigt".

Der gesamtwirtschaftliche Vorteil einer sogenannten Erwerbstätigenversicherung (der neben Arbeitnehmern auch Selbstständige und Beamte angehören sollen, d. Red.) bestehe vor allem darin, dass "dann das Problem des Übergangs der stark besetzten Kohorten der Babyboomer in die Rente ,bearbeitet' ist", heißt es in dem 13-seitigen Papier. Zum einen könne man so erreichen, "dass alle Selbständigen versichert sind". Darüber hinaus solle sich die Funktion der berufsständischen Versorgungswerke für die verkammerten Berufe ändern, schreiben die IMK-Wissenschaftler: Sie sollten künftig für die "zusätzliche private Altersvorsorge der so genannten freien Berufe zuständig" sein.

Erwerbspersonenpotenzial besser ausschöpfen

Die Experten setzen sich auch dafür ein, dass Deutschland sein Erwerbstätigenpotenzial vergrößern solle – denn dies "stärkt die Finanzierungsbasis der beitragsfinanzierten Sozialversicherung". Wenn die Zahl der beitragspflichtigen Erwerbstätigen insgesamt und zudem der durchschnittliche Arbeitsumfang der Frauen steige, "lässt sich die wachsende Zahl von RentenempfängerInnen leichter bewältigen", schreiben die Wissenschaftler. Schweden könne in dieser Hinsicht Vorbild sein. "Würden wir in Deutschland in den nächsten 40 Jahren Erwerbstätigenquoten – ohne Minijobs – erreichen, die Schweden heute schon hat, dann würde bei uns das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und den EmpfängerInnen von Renten und Arbeitslosenunterstützung in den nächsten Jahrzenten kaum noch steigen", heißt es in der Studie. 

In der Debatte um eine weitere Erhöhung des Rentenalters plädieren die Wissenschaftler für einen Aufschub. Da die künftige Altersgrenze von 67 Jahren erst in einigen Jahren erreicht werde, sei noch "ausreichend Zeit, um sich über das ,Ob' einer Anhebung der Altersgrenze" und ihre "soziale Gestaltung" Gedanken zu machen. Als vorrangig betrachten es die IMK-Forscher, Arbeitsplätze altersgerecht zu gestalten, "damit nicht Beschäftigte gezwungen sind, vorzeitig mit Abschlägen in Rente zu gehen" – denn dies liefe auf eine "unsoziale Form der Rentenkürzung" hinaus. Zunächst müsse alles versucht werden, möglichst lange Erwerbskarrieren zu ermöglichen. "Das erhöht dann auch die Chancen für auskömmliche Renten", so das Fazit der Wissenschaftler.

Mehr zum Thema:

www.boeckler.de

IMK-Studie zur langfristig sicheren und gerechten Finanzierung der Rentenversicherung (pdf)

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Autor

Stefan Thissen