Rente / 22.02.2018

Studie fordert Pflichtvorsorge Selbstständiger

ifh: Viele Handwerker sind unzureichend für das Alter abgesichert. Durch geänderte Handwerksordnung sind Schutzbedürftige oft nicht mehr versichert.

Göttingen (ifh/sth). Viele Handwerker sind unzureichend für das Alter abgesichert. Mehr als 60 Prozent der Inhaber von Handwerksbetrieben können laut einer jetzt veröffentlichten Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) mit einer gesetzlichen Rente von weniger als 600 Euro rechnen. Nur jeder Achte habe Aussicht auf eine Rente von mehr als 1.000 Euro. Drei Viertel der Handwerksbetriebs-Inhaber würden zudem mehr Geld für eine private Altersvorsorge aufwenden als für die gesetzliche Rentenversicherung, heißt es in der Studie (siehe auch Link unten).

Nach Erkenntnissen der Studienautoren gibt es bei der Altersvorsorge Selbstständiger einerseits "nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen Soloselbstständigen aus dem zulassungsfreien und dem zulassungspflichtigen Handwerk", zum anderen aber "auch zwischen kleinen und größeren Handwerksbetrieben". Außerdem zeichne sich ein klares West-Ost-Gefälle zwischen den alten und neuen Bundesländern ab.

Ein wichtiges Ergebnis ihrer Studie sei, dass die ursprünglichen Ziele der Handwerkerpflichtversicherung "heute nicht mehr erreicht werden", so die Autoren. Insbesondere infolge der Novellie­rung der Handwerksordnung von 2004 unterlägen inzwischen viele selbstständige Handwerker nicht mehr der Versicherungspflicht, obwohl sie zu den besonders Schutzbedürftigen zu rechnen seien. Dieser Kreis der Handwerker sei stark gewachsen. Viele der Betroffenen würden zudem "eine Rentenberatung sehr oft erst im höheren Alter bzw. kurz vor dem Ruhestand" wahrnehmen statt am Anfang ihres Berufsweges.

Altersvorsorge in der Beratung der Handwerkskammern thematisieren

Um die Situation zu verbessern, benennt die Studie Handlungsfelder in der Verantwortung der Handwerksorganisation und der Politik. Da allgemeine Informations­veranstaltungen und Beratungsangebote nur schlecht angenommen würden, könne die Alters­vorsorge in der allgemeinen Betriebsberatung der Handwerkskammern thematisiert werden, so das ifh. Beson­dere Beachtung sollte demnach den rund 2,3 Millionen Soloselbstständigen gelten. Ihnen gelinge es vielfach nicht, ausreichende Erträge zu erwirtschaften, sodass sie keine Altersvorsorge betreiben.

Auch die Politik kann laut der Studie zu einer Verbesserung der Altersvorsorge von Selbstständigen beitragen. Eine generelle Versicherungspflicht für die Betroffenen würde, so die Autoren, "Wettbewerbsverzerrungen vermeiden helfen und Scheinselbstständigkeit abbauen". Das ifh-Papier empfiehlt zudem, die Versicherungspflicht an eine Mindestzahl von Renten-Entgeltpunkten zu binden statt wie seit 1960 die Pflichtversicherungszeit in Monaten zu berechnen. Ein Entgeltpunkt entspricht dem jährlichen Rentenanspruch eines Durchschnittsverdieners (2018: ca. 37.900 Euro Bruttojahresverdienst) und bringt derzeit eine Monatsrente von 31,03 Euro in den alten und 29,69 Euro in den neuen Ländern.

18 Jahre Versicherungspflicht in der Rentenversicherung

Bisher müssen Handwerksmeister in der Rentenversicherung mindestens 216 Monate lang (= 18 Jahre) pflichtversichert gewesen sein, bevor sie auf Wunsch ausscheiden und sich weiter privat versichern können. Bei entsprechender Zahl der Entgeltpunkte wäre eine gesetzliche Rente über dem Grundsicherungsniveau garantiert, die zur Sicherung eines angemessenen Lebensstandards noch durch private Vorsorge ergänzt werden müsse, so die Studie. Eine im Auftrag des Bundessozialministeriums (BMAS) erstellte Studie von zwei Kölner Juristen hatte sich – wie auch Union und SPD in ihrem neuen Koalitionsvertrag – dafür ausgesprochen, alle nicht obligatorisch abgesicherten Selbstständigen künftig zur Altersvorsorge über die Rentenversicherung oder durch eine sogenannte Rürup-Rente zu verpflichten.  

Die Zahl der in der Rentenversicherung pflichtversicherten Handwerker ist seit knapp 20 Jahren trotz einer gestiegenen Zahl von Handwerksbetrieben deutlich gesunken – von knapp 86.000 im Jahr 1999 bis auf rund 51.000 im Jahr 2016. Eine Ursache dieser Entwicklung dürfte nach übereinstimmenden Untersuchungen die Novellierung der Handwerksordnung im Jahr 2004 sein. Sie führte zu einer Aufteilung der aktuell rund eine Million Handwerksbetriebe in zulassungspflichtige und zulassungsfreie Gewerbe: Für die rund 580.000 Betriebe in den zulassungspflichtigen Gewerben ist weiterhin der Meisterbrief Voraussetzung für eine Betriebsführung, für rund 240.000 Betriebe in heute zulassungsfreien Gewerben ist er nicht mehr zwingend erforderlich, etwa 180.000 Unternehmen arbeiten in zulassungsfreien Gewerben.     

Mehr zum Thema:

www.ifh.wiwi.uni-goettingen.de

Link zur Studie "Alterssicherung im Handwerk" des ifh an der Universität Göttingen (im pdf-Format)

www.ifh.wiwi.uni-goettingen.de

Link zu einer Zusammenfassung der genannten Studie auf der Webseite des ifh an der Universität Göttingen