Rente / 01.11.2019

Teilerwerbsgemindert – dennoch volle Rente

Wegen des Arbeitsmarkts erhielten 2018 etwa 21.300 Menschen, die nur noch teilweise arbeiten können, eine volle Erwerbsminderungsrente.

Bild zum Beitrag "Teilerwerbsgemindert – aber volle Rente ". Das Bild zeigt einen Mann im mittleren Alter, der melancholisch aus dem Fenster schaut.

Bad Homburg (sth). Unter den gesetzlichen Renten gibt es einige, die in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind – zum Beispiel die Erziehungsrente oder die arbeitsmarktbedingte Erwerbsminderungsrente (EM-Rente). Letztere können Beschäftigte mit einer täglichen Arbeitsfähigkeit zwischen drei und weniger als sechs Stunden erhalten, die keinen für sie geeigneten Teilzeit-Arbeitsplatz finden. Ihr Vorteil: Statt einer eigentlich zustehenden teilweisen (halben) EM-Rente bekommen die Betroffenen eine volle Rente. Allein im Jahr 2018 profitierten nach Berechnungen von www.ihre-vorsorge.de, die auf Angaben der Deutschen Rentenversicherung beruhen, etwa 21.300 Versicherte erstmals von der arbeitsmarktbedingten EM-Rente.

Normalerweise hängt der Anspruch auf eine volle EM-Rente davon ab, ob die Ärzte bei einem Beschäftigten wegen Krankheit oder Behinderung eine tägliche Arbeitsfähigkeit von weniger als drei Stunden feststellen. Dabei ist es unerheblich, ob der Arbeitnehmer nicht doch einen bezahlten Job für ein oder zwei Stunden am Tag finden könnte.

Konkrete statt abstrakte Beurteilung des Arbeitsmarkts

In manchen Fällen gilt aber statt der "abstrakten Betrachtung" des Arbeitsmarkts eine "konkrete Betrachtungsweise". Dann kann aus einer medizinisch festgestellten teilweisen Erwerbsminderung de facto eine volle Erwerbsminderung werden. Voraussetzung: Der allgemeine Arbeitsmarkt ist für den betroffenen Beschäftigten nach der konkreten Betrachtungsweise verschlossen.

Für die Beurteilung im Einzelfall entscheidend ist, ob zumutbare Arbeitsplätze vorhanden sind, die der teilweise erwerbsgeminderte Arbeitnehmer mit seiner Leistungsfähigkeit noch ausfüllen kann. Als offen gilt der Arbeitsmarkt, wenn ihm ein geeigneter Arbeitsplatz angeboten wird. In der Praxis sind solche Teilzeit-Arbeitsplätze jedoch trotz der guten Arbeitsmarktsituation immer noch vergleichsweise rar.

Hat der Teil-Erwerbsfähige aber bereits einen Teilzeit-Arbeitsplatz, gilt der Teilzeitarbeitsmarkt auch "dann nicht als verschlossen, wenn der Versicherte durch die Schwere oder Dauer der Arbeit gesundheitlich überfordert wird", formuliert es ein Experte für Sozialrecht. "In diesen Fällen mutet sich der Versicherte selbst etwas zu, ohne vom Versicherungsträger dazu aufgefordert zu werden."

Mehr zum Thema:

www.gesetze-bayern.de

Urteil des Bayerischen Landessozialgerichts zum vorgestellten Thema vom Februar 2014

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Autor

Stefan Thissen