Soziales / 14.09.2017

Vergleichsstudie zu Bildungssystemen

Studie vergleicht Bildungssysteme der Industrienationen

Berlin (dpa). Von "guten Nachrichten für das Hightechland Deutschland" spricht Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU), der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält die Bildung im Land hingegen für "chronisch unterfinanziert". Der am Dienstag veröffentlichte Bericht, in dem die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Bildungssysteme der Industrienationen vergleicht, umfasst mehr als 550 Seiten und lässt ganz unterschiedliche Interpretationen zu.

Wo schneidet Deutschland besonders gut ab?

Spitzenwerte erreicht die Bundesrepublik ausgerechnet in jenen Studienfächern, die als besonders zukunftsweisend gelten und beruflichen Erfolg versprechen: nämlich in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die aufgrund ihrer Anfangsbuchstaben oft als MINT-Fächer zusammengefasst werden. 37 Prozent der Hochschulabsolventen in Deutschland haben eines dieser Fächer studiert. Einen so hohen Wert erreicht kein anderes OECD-Land. Auch bei den Studienanfängern belegt Deutschland in diesem Bereich den Spitzenplatz. Gerade für eine rohstoffarme Nation ist es wichtig, so die Position als Technologiestandort zu festigen - oder um es mit Heino von Meyer vom Berliner OECD-Zentrum zu sagen: "Deutschlands wichtigster Rohstoff ist die Kompetenz seiner Bürger."

In den wichtigen Zukunftsfächern ist also alles im grünen Bereich?

Nicht alles, denn der Frauenanteil in den MINT-Fächern liegt bei gerade einmal 28 Prozent. Im Gegensatz dazu sind die Frauen in Fächern wie Pädagogik massiv überrepräsentiert, wo 80 Prozent der Studienanfänger weiblich sind. Nur in wenigen OECD-Staaten ist dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern so stark ausgeprägt wie in Deutschland.

Wo hat das deutsche Bildungssysteme sonst noch Defizite?

Bei den Bildungsausgaben hinkt Deutschland nach den Berechnungen der OECD seit Jahren hinterher. Während die 35 OECD-Staaten durchschnittlich 5,2 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bildung ausgeben, kommt Deutschland auf gerade einmal 4,3 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Umgerechnet auf Heller und Pfennig bedeutet das in etwa eine Differenz von 30 Milliarden Euro pro Jahr.

Wo fehlt das Geld?

Zum Beispiel an den Grundschulen: Denn auch hier gibt Deutschland jedes Jahr weniger aus als der OECD-Durchschnitt. Das gehe vor allem zu Lasten der individuellen Förderung, bemängelt der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher. Dabei sei es extrem wichtig, die Schwachpunkte einzelner Schüler möglichst früh zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern, "damit niemand durch das Raster fällt". Dass dafür die Zeit fehle, schade vor allem den Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern, erklärt Schleicher. "Wenn Sie aus einer sozial ungünstigen Schicht kommen, ist Schule Ihre einzige Chance."

So gesehen ist es kein Wunder, dass der Bildungserfolg in Deutschland noch immer stark vom Elternhaus abhängt - auch das belegt nämlich die neue Studie: Der Anteil der Hochschulabsolventen, deren Eltern keinen entsprechenden Abschluss haben, liegt bei den 30- bis 44-Jährigen in Deutschland bei gerade einmal 14 Prozent. Im OECD-Schnitt ist diese Quote in den vergangenen Jahren auf immerhin 20 Prozent gestiegen.

Von Axel Hofmann, dpa

Autor

 Deutsche Presseagentur