Rente / 05.12.2019

Viele arme Senioren nutzen Grundsicherung nicht

DIW: Mehr als die Hälfte der berechtigten älteren Menschen nimmt die bedarfsabhängige Leistung im Alter nicht in Anspruch.

Bild zum Beitrag "". Das Bild zeigt die Hände einer älteren Frau, die Geldmünzen aus ihrer Geldbörse nimmt.

Berlin (diw/sth). Etwa 60 Prozent der Senioren, denen die staatlich finanzierte Grundsicherung im Alter zusteht, nehmen diese Leistung nicht in Anspruch. Dies ergibt sich aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), die vom Forschungsnetzwerk Alterssicherung (FNA) der Deutschen Rentenversicherung gefördert wurde. Das Einkommen der betroffenen Haushalte – bundesweit etwa 625.000 – würde demnach um rund 30 Prozent steigen, wennn die anspruchsberechtigten Senioren die Leistung für bedürftige Menschen im Alter auch nutzen würden.

Besonders hoch ist die Quote derjenigen, die auf die Grundsicherung verzichten, laut der DIW-Studie unter Menschen, die älter als 77 Jahre sind (73 Prozent) oder verwitwet (77 Prozent). Auch ein niedriger Bildungsstatus führe dazu, dass die Grundsicherung seltener in Anspruch genommen wird. Vor allem Senioren, die monatliche Zahlungen bis 200 Euro aus der Grundsicherung zu erwarten hätten, würden die ihnen zustehende Leistung häufig nicht in Anspruch (80 Prozent). "Vielen ist das Verfahren vermutlich zu aufwendig – gerade bei kleinen Beträgen – oder sie wissen gar nicht, dass sie den Rechtsanspruch haben", vermutet Studienautor Hermann Buslei. Auch die Angst, als „Almosenempfänger“ abgestempelt zu werden, könne eine Rolle spielen.

Bevölkerungsteil mit dem geringsten Einkommen würde profitieren

Von der Grundsicherung profitieren würden vor allem die untersten zehn Prozent der Einkommen, errechneten die DIW-Ökonomen. Ihre Einkommen würden sich bei Nutzung der steuerlich finanzierten Leistung um etwa 220 Euro monatlich oder 2.650 Euro pro Jahr erhöhen. Nähmen alle Berechtigten ihre Ansprüche auch wahr, "würde dies den Staat rund zwei Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich kosten", so die Studienautoren. 

„Verdeckte Altersarmut ist ein weitverbreitetes Phänomen, dem man eigentlich mit der Einführung der Grundsicherung im Jahr 2003 entgegenwirken wollte", so Mitautor Johannes Geyer. Tatsächlich habe sich die Zahl der Grundsicherungsbezieher seitdem von 260.000 auf 566.000 im Juni 2019 mehr als verdoppelt. Allerdings sei die Quote der Leistungsempfänger mit nur gut drei Prozent der Senioren ab der Regelaltersgrenze (liegt je nach Geburtsjahrgang zwischen 65 und 67 Jahren, d. Red.) weiterhin niedrig. „Die niedrige Grundsicherungsquote ist schon deswegen kein guter Indikator für eine erfolgreiche Armutsbekämpfung, weil die Nichtinanspruchnahme der Grundsicherungsleistungen hoch ist", so Geyer.

Mehr zum Thema:

www.fna-rv.de

DIW-Studie zur Nutzung der staatlichen Grundsicherung durch bedürftige Senioren (Langfassung)

www.diw.de

DIW-Studie zur Nutzung der staatlichen Grundsicherung durch bedürftige Senioren (Kurzfassung)

www.deutsche-rentenversicherung.de

Broschüre der Deutschen Rentenversicherung zur Grundsicherung im Alter

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen