Rente / 02.11.2017

Volle Rente trotz Teilerwerbsfähigkeit

Ist der Arbeitsmarkt verschlossen, können auch Teilzeit-Fähige volle EM-Rente erhalten.

Offenbach (sth). Unter den gesetzlichen Renten gibt es einige, die in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind – und auch von den Medien eher selten beachtet werden. Dazu gehören zum Beispiel die Erziehungsrente (siehe ihre-vorsorge.de vom 27.07.2017) und die arbeitsmarktbedingte Erwerbsminderungsrente. Letztere können Beschäftigte mit einer täglichen Arbeitsfähigkeit zwischen drei und weniger als sechs Stunden erhalten, die keinen für sie geeigneten Teilzeit-Arbeitsplatz finden. Ihr Vorteil: Statt einer teilweisen (halben) Erwerbsminderungsrente bekommen die Betroffenen eine volle Rente. Immerhin rund 25.000 Versicherte pro Jahr profitieren von der arbeitsmarktbedingten Erwerbsminderungsrente.

Normalerweise hängt der Anspruch auf eine volle Erwerbsminderungsrente davon ab, ob die Ärzte bei einem Beschäftigten wegen Krankheit oder Behinderung eine tägliche Arbeitsfähigkeit von weniger als drei Stunden feststellen. Dabei ist es unerheblich, ob der Arbeitnehmer nicht doch einen bezahlten Job für ein oder zwei Stunden am Tag finden könnte.

Konkrete statt abstrakte Beurteilung des Arbeitsmarkts

In manchen Fällen gilt aber statt der "abstrakten Betrachtung" des Arbeitsmarkts eine "konkrete Betrachtungsweise". Dann kann aus einer medizinisch festgestellten teilweisen Erwerbsminderung de facto eine volle Erwerbsminderung werden. Voraussetzung: Der allgemeine Arbeitsmarkt ist für den betroffenen Beschäftigten nach der konkreten Betrachtungsweise verschlossen.

Für die Beurteilung im Einzelfall entscheidend ist, ob zumutbare Arbeitsplätze vorhanden sind, die der teilweise erwerbsgeminderte Arbeitnehmer mit seiner Leistungsfähigkeit noch ausfüllen kann. Als offen gilt der Arbeitsmarkt, wenn ihm ein geeigneter Arbeitsplatz angeboten wird. In der Praxis sind solche Teilzeit-Arbeitsplätze jedoch trotz der guten Arbeitsmarktsituation immer noch vergleichsweise rar.

Hat der Teil-Erwerbsfähige aber bereits einen Teilzeit-Arbeitsplatz, gilt der Teilzeitarbeitsmarkt auch "dann nicht als verschlossen, wenn der Versicherte durch die Schwere oder Dauer der Arbeit gesundheitlich überfordert wird", wie es ein Experte für Sozialrecht formuliert. "In diesen Fällen mutet sich der Versicherte selbst etwas zu, ohne vom Versicherungsträger dazu aufgefordert zu werden."

Mehr zum Thema:

sozialgerichtsbarkeit.de

Link zu einem Urteil des Bayerischen Landessozialgerichts vom Februar 2014

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Autor

Stefan Thissen