Soziales / 03.08.2020

Vorsicht, Vorurteile: Wenn Selbstständige sich anstellen lassen

Können sich Selbständige oder Freiberufler an mehr Vorgaben anpassen, wenn sie wieder eine Festanstellung annehmen?

Mann sitzt in seinem Büro und legt die Beine auf den Schreibtisch, während vor seiner Glastür eine Frau mit Aktenordnern eilig vorbeigeht.

Münster/Mönchengladbach (dpa/tmn). Sein eigener Chef zu sein, bietet viele Freiheiten. Die Pflichten der Selbstständigkeit können aber auch so belastend werden, dass man sich ein festes Anstellungsverhältnis zurückwünscht. Nicht umsonst eilt Selbstständigen der Ruf voraus, „selbst und ständig“ zu arbeiten.

Selbst ohne Corona-Krise wäre der Schritt nachvollziehbar, doch die Pandemie hat die Situation für Freiberufler und Selbstständige noch verschärft. Aber klappt der Weg in eine Festanstellung so einfach?

Wechsel muss nicht für immer sein

Es kann ganz verschiedene Gründe geben, warum ein Wechsel zurück in die Festanstellung sinnvoll oder vielleicht sogar nötig ist. Oft seien es veränderte Lebensumstände wie die Gründung einer Familie oder die Pflege von Angehörigen, die zu der Entscheidung führen, erklärt die Wirtschaftspsychologin Eva Schulte-Austum aus Münster.

Auch eine Verschiebung der Prioritäten kann den Ausschlag geben: Vielleicht wünscht man sich mehr Sicherheit, weniger Verantwortung oder einfach geregelte Arbeitszeiten. Nicht zuletzt können Marktveränderungen, wie während der Corona-Krise, einen Effekt haben.

Die Wirtschaftspsychologin betont, dass die Entscheidung nicht für immer sein muss: Man könne jederzeit in die Selbstständigkeit zurück, das sei heute viel üblicher als früher. Sogar eine selbstständige Tätigkeit neben der Festanstellung sei denkbar – das sollte dann aber im Arbeitsvertrag vermerkt sein.

Angst ist kein guter Ratgeber

Aus Panik das Freiberufler-Leben hinzuwerfen, ist allerdings der falsche Weg: „Angst ist kein guter Berater“, warnt Schulte-Austum und erklärt, dass rationales Denken und Entscheiden im verängstigten Zustand nicht gut funktionieren. Besser sei es, mit etwas Abstand zu überprüfen, warum der Wechsel infrage kommt.

Der Weg in die Festanstellung gestaltet sich dann jedoch für viele schwierig. „Ein zentraler Grund hierfür ist die Skepsis, mit der Personalentscheider Selbstständigen mitunter begegnen“, sagt David Reinhaus. Er ist Wirtschaftsberater und Hochschullehrer für Psychologie an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM).

„Dabei stellen sich Personalentscheider einige Fragen: Kann sich der Bewerber ins Team integrieren? Ist er bereit, Vorgaben von Führungskräften zu akzeptieren? Kommt er mit festen Arbeitszeiten zurecht?“, zählt Reinhaus auf.

Selbstständige haben keine Probleme, sich anzupassen

Allerdings seien diese Vorurteile gegenüber Ex-Selbstständigen nicht unbedingt gerechtfertigt, erklärt der Experte mit Verweis auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und des Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn aus dem Jahr 2011. Im Vergleich der Persönlichkeitsmerkmale zeigte sich darin, dass Selbstständige kreativer und origineller, kommunikativer und emotional stabiler als Angestellte seien.

Darüber hinaus gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass Selbstständige Schwierigkeiten hätten, sich sozial anzupassen. Lediglich eine erhöhte Risikobereitschaft bescheinigten ihnen die Forscher. Die mache sie aber interessant für Positionen, in denen es um innovative Arbeitsergebnisse geht.

Stärken aus der Selbstständigkeit richtig verkaufen

In der besonderen Flexibilität und Lösungsorientierung von Selbstständigen sieht auch Nadine Luck vom Verband der Gründer und Selbstständigen (VGSD) eine Chance, Vorurteile zu entkräften. Diese würden ohnehin verschwinden, da Menschen immer mehr zwischen Jobs sowie zwischen Anstellung und Selbstständigkeit hin- und herwechseln.

Dennoch empfiehlt Luck Selbstständigen, offen zu kommunizieren, warum sie jetzt eine Anstellung suchen, und ihren Wert durch besondere Fähigkeiten zu betonen: Eigenständigkeit, Belastbarkeit und Verantwortungsbewusstsein könnten dazugehören. Viele Arbeitgeber schätzten es auch, wenn Mitarbeiter betriebswirtschaftlich mitdenken.

Bewerbungsschreiben: Bedenken vorwegnehmen

Eva Schulte-Austum empfiehlt, sich für die Bewerbung zuerst zu überlegen, welche Bedenken der Chef, der Personaler oder die Kollegen haben könnten, Selbstständige einzustellen. Daran anschließend könnten dann konkrete Argumente entwickelt werden, um diese schon vorweg zu entkräften. Hierzu eignen sich vor allem authentische Beispiel-Situationen aus der selbstständigen Berufsvergangenheit.

Um ihre Beschäftigungsfähigkeit und ihre Kompetenzen überzeugend darzustellen, sollten Selbstständige ihre Projekte stets dokumentieren und als Referenzprojekte parat halten, rät David Reinhaus. Auch Empfehlungsschreiben von früheren Geschäftspartnern und Kunden könnten beim Einstellungsverfahren etwas bewirken.

In jedem Fall sollten sich Selbstständige gut darauf vorbereiten, dass Personaler ihre Entscheidung, die Selbstständigkeit aufzugeben, hinterfragen. Um den Eindruck zu vermeiden, man wäre an mangelnden Kompetenzen gescheitert, könne man auf die Wirtschaftslage verweisen. Derzeit reiche ein Verweis auf die Corona-Pandemie, sagt Reinhaus.

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst