Finanzen / 19.08.2019

Weltwirtschaft: Die Zinswelt steht Kopf

Deutschland schwächelt. China wächst langsamer. Über allem schweben Risiken wie der Brexit und Handelskrieg. Droht uns eine Rezession?

Bild zum Thema Weltwirtschaft: Die Zinswelt steht Kopf. – Börse in Frankfurt am Main.

Frankfurt/Main (dpa). Schwache Konjunkturdaten aus den großen Volkswirtschaften China und Deutschland wecken Rezessionsängste und verunsichern die Finanzmärkte. In Panik versetzt Anleger zudem ein äußerst seltenes Phänomen: In den USA oder Großbritannien stiegen die kurzfristigen Kapitalmarktzinsen zumindest zeitweise über die langfristigen. In einigen asiatischen Ländern zeichnete sich eine ähnliche Entwicklung ab. Auch in Deutschland scheint der Zeitpunkt nicht mehr fern, bis die kurzfristigen Zinsen die längerfristigen einholen.

„Inverse Zinskurve“ gilt als konjunkturelles Warnsignal

Fachleute sprechen etwas sperrig von einer „inversen Zinskurve“. Umgangssprachlich könnte man von einer „verkehrten Zinswelt“ reden: Normalerweise erhält ein Geldgeber um so höhere Zinsen, je länger er sein Geld verleiht. Kehrt sich dieser Zusammenhang um, fällt also der Zins mit der Laufzeit der Anlage, kann das zahlreiche wirtschaftliche Probleme mit sich bringen. Zumal eine inverse Zinskurve als konjunkturelles Warnsignal gilt. Im schlimmsten Fall kündigt sie eine Rezession an, also eine schrumpfende Wirtschaft.

Kredite werden bei umgekehrter Zinskurve zum Verlustgeschäft

Auch ohne Rezession bringt eine „verkehrte“ Zinskurve genug Probleme mit sich. Der Grund liegt im Finanzsystem: Banken verdienen Geld, indem sie sich kurzfristige Mittel von ihren Kunden leihen und diese längerfristig als Kredit verleihen. „Fristentransformation“ nennt sich das.

Im Grunde geht es um die Übernahme von Risiken durch die Banken in ihrem Kreditgeschäft. Dieses Geschäft funktioniert bei „normaler“ Zinskurve recht gut. Es funktioniert schlecht oder gar nicht, wenn sich die Zinskurve verflacht oder umkehrt. In der Folge können Banken und letztlich das Finanzsystem in Schieflage geraten.

Doch auch ohne diese Effekte ist eine inverse Zinskurve problematisch. Denn sie gilt unter Fachleuten als Alarmsignal für eine sich nähernde Rezession. So kehrte sich in den USA vor jeder Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg die Zinsstruktur um.

Auf eine inverse Zinskurve folgt nicht zwingend eine Rezession

Vorsicht ist dennoch angebracht, denn die Zinsstruktur hat in den vergangenen Jahrzehnten auch Fehlsignale gesendet. Experte Patrick Franke von der Landesbank Hessen-Thüringen nennt in einer Studie die Jahre 1966 und 1998, in denen auf eine inverse Zinskurve eben keine US-Rezession folgte.

Wie ist es heute? Steuern die USA und mit ihr die ganze Welt auf eine Rezession zu? Oder gibt es andere Gründe, warum die Zinswelt Kopf steht?

Fachleute schließen die Gefahr einer wirtschaftlichen Schrumpfung nicht grundsätzlich aus. So gibt es durchaus Gründe für eine starke wirtschaftliche Eintrübung. Zu nennen sind die zahlreichen und wachsenden politischen Krisen rund um den Globus, darunter der Handels- und Technologiekonflikt zwischen den USA und China, der unsichere Ausgang des Brexit, die Regierungskrise in Italien oder der Streit über das iranische Atomprogramm.

Hinzu kommen zahlreiche regionale Unruhen wie die gegenwärtigen Proteste in Hongkong. Diese Krisen verunsichern und belasten die Stimmung von Verbrauchern wie Unternehmen und führen zu wirtschaftlicher Zurückhaltung.

Experten halten die verkehrte Zinswelt für einen Fehlalarm

Experten nennen aber auch Gründe, die gegen eine globale Rezession sprechen – und nahelegen, dass die verkehrte Zinswelt Fehlalarm anzeigt. So ist die wirtschaftliche Lage in den USA nach wie vor robust und die Arbeitslosigkeit niedrig. Auch wichtige konjunkturelle Frühindikatoren senden keine großen Warnsignale aus.

Anders sieht es in Teilen der Welt aus, wo die konjunkturellen Probleme größer werden. Zu nennen ist gerade China, wo die – allerdings immer noch stark wachsende – Wirtschaft seit längerem an Fahrt verliert und unter dem Handelskonflikt mit den USA leidet. Auch in Deutschland zeigen sich Probleme, weshalb die Wirtschaft im Frühjahr leicht geschrumpft ist.

Die Ökonomen der Schweizer Bank UBS kommen daher zu dem Schluss, dass die ungewöhnliche Zinsstruktur in den USA eher kein Ergebnis schwacher Wachstumserwartungen in den Vereinigten Staaten ist. „Wir glauben, dass die Abflachung der US-Zinskurve eine Folge der sich abschwächenden Wachstumserwartungen im Rest der Welt ist“, heißt es in einer Studie. Für die USA mag das beruhigend sein – für den Rest der Welt eher nicht.

Geldpolitik der Notenbanken spricht gegen eine Rezession

Für ein Fehlsignal könnte die Geldpolitik großer Notenbanken sprechen, die seit mindestens einem Jahrzehnt extrem locker ist. So haben die Zentralbanken ihre Geldpolitik seit der Finanzkrise 2008 stark verändert und die langfristigen Zinsen am Kapitalmarkt erheblich gedrückt. Anleger befinden sich deshalb auf der ständigen Suche nach Rendite – und werden nicht zuletzt in den USA fündig, wo die Kapitalmarktzinsen immer noch höher liegen als in Europa und Teilen Asiens. Dieser Ansturm auf amerikanische Anleihen übt Druck auf die dortigen Marktzinsen aus und lässt die Zinskurve verflachen.

Nur eine „Zinskurven-Hysterie“?

Es könnte also durchaus sein, dass die Finanzmärkte falsch liegen – und die Welt nicht vor einer schweren Rezession steht. Dieser Ansicht ist auch Soonal Desai, Investmentchefin bei der großen Anlagegesellschaft Franklin Templeton. Sie spricht gar von „Zinskurven-Hysterie“.

Ähnlich sieht es die ehemalige Chefin der US-Notenbank Fed, Janet Yellen: Historisch sei die Zinskurve zwar ein ziemlich gutes Signal für eine Rezession gewesen, sagte Yellen am Mittwoch im US-Fernsehen. Heute dürfte es aber anders sein, schränkte sie mit Verweis auf zahlreiche Faktoren sein, die die Zinswelt verrückt spielen lassen.

Autor

 Deutsche Presseagentur