Gesundheit / 04.05.2018

Wenn Mama wieder „Pressionen“ hat

Etwa jedes vierte Kind wächst mit einem Elternteil auf, das zumindest vorübergehend sucht- oder psychisch krank ist. Oft bekommen sie selbst Probleme. Wie kann man ihnen helfen?

Rotenburg/Wümme (dpa). Die Mutter von Sonja Schmitt war Alkoholikerin, schon als Achtjährige räumte das Mädchen die Wohnung auf und versuchte, Flaschen zu verstecken. Dass ihre Mutter krank war, sei ihr erst im Alter von 16 Jahren bewusst geworden, erzählt die zierliche 36-Jährige mit den roten Haaren.

Auch wegen ihrer traumatischen Erfahrungen geht Sonja Schmitt, die ihren wahren Namen nicht nennen möchte, mit ihrer eigenen Krankheit offen um. Die Gärtnerin hat eine Borderline-Störung und besucht seit 2,5 Jahren mit ihrem Mann und ihren sechs und zwölf Jahre alten Kindern den „Kidstime Workshop“ am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg/Wümme.

„Früher dachte ich, dass ich daran schuld bin“

Einmal im Monat erhalten die Mädchen und Jungen in der Gruppe altersgemäß aufbereitete Informationen über psychische Erkrankungen und denken sich gemeinsam ein Theaterstück aus, das den Eltern vor dem abschließenden Pizza-Essen präsentiert wird.

„Mama ist manchmal schlecht gelaunt, aber ich weiß jetzt, dass sie nichts dafür kann“, sagt Sonjas zwölfjährige Tochter Lea. „Früher dachte ich, dass ich daran schuld bin.“ Auch ihr kleiner Bruder Tom hat verstanden, was ab und zu los ist. „Mama, hast du wieder Pressionen?“, fragte er vor einiger Zeit.

Kinder von psychisch kranken Eltern sind selbst gefährdet

Der Psychologe Henner Spierling hat mit seinem Team das Kidstime-Konzept von Alan Cooklin aus Großbritannien nach Rotenburg geholt und bildet jetzt Kursleiter in ganz Deutschland aus. „Es ist keine Therapie, sondern Prävention für eine Hochrisikogruppe“, erklärt er.

Etwa 30 Prozent der Kinder psychisch kranker Eltern entwickeln selbst Auffälligkeiten – von Schulproblemen, ADHS bis hin zu Essstörungen oder Ängsten. „Es gibt bisher kaum vernetzte Hilfen für diese Kinder“, kritisiert die Hamburger Psychologieprofessorin Silke Wiegand-Grefe.

Leben in dauerhafter Alarmstimmung

Rund 3,8 Millionen Mädchen und Jungen unter 18 Jahren haben in Deutschland Eltern mit Suchtproblemen oder seelischen Krankheiten. Häufig versuchen sie, die Situation nach außen zu vertuschen.

Einige werden in der Schule gemobbt, etwa weil zu Hause niemand für saubere Kleidung sorgt. Teilweise entstehen wegen der besonderen Lebenssituation auch Gräben zu anderen Kindern.

„Sie sind oft in dauerhafter Alarmstimmung und achten ständig auf Frühwarnzeichen für einen erneuten Ausbruch der Krankheit“, erzählt Spierling.

Oft entwickelten die Mädchen und Jungen eine große Feinfühligkeit, versorgten jüngere Geschwister, aber blieben mit den eigenen Bedürfnissen auf der Strecke.

Wer ist für die Kinder zuständig?

Selbst wenn die Krankheit eines Elternteils diagnostiziert ist, kommt der Nachwuchs in den Therapieplänen nicht vor. „Dabei sind die Angehörigen ganz wichtig im Gesundungsprozess“, sagt Sabine Wagenblass, die an der Hochschule Bremen lehrt und sich wie Wiegand-Grefe als Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder psychisch erkrankter Eltern engagiert.

Inwieweit die Minderjährigen Hilfe bekommen, hängt bisher davon ab, wie vernetzt die zuständigen Stellen am jeweiligen Wohnort sind. Die Bundesregierung will das ändern und hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt – die Ergebnisse werden allerdings erst Anfang 2019 erwartet.

Traumatische Trennung

Viele Patienten mit chronischen psychischen Erkrankungen müssen immer wieder wochenlang stationär behandelt werden.

Zum Beispiel in Bremen gibt es ein Modell mit ehrenamtlichen Paten, die regelmäßig mit den Kindern etwas unternehmen und so zu einer stabilen Bezugsperson werden. Die Paten nehmen ihr Patenkind auf, wenn der Vater oder die Mutter in die Klinik muss.

Wenn Eltern zum Beispiel mit einer Psychose zwangseingewiesen werden, kann das für den Nachwuchs traumatisch sein: Der geliebte Mensch scheint plötzlich ein anderer zu sein, er tobt im Wahn und wird abgeführt.

Noch schlimmer kann es werden, wenn keine Angehörigen oder Paten parat stehen und die Kinder vorübergehend in einem Heim oder in einer ihnen unbekannten Pflegefamilie untergebracht werden.

Kein Schulhofthema

Die 54-jährige Gaby Meyer (Name geändert) besucht seit dem Start von „Kidstime“ in Rotenburg vor 3,5 Jahren regelmäßig die Gruppe. Ihre 15 und 17 Jahre alten Söhne sind an diesem Tag nicht zu einem Gespräch über die Krankheit ihrer Mutter bereit. „Sie schämen sich“, meint Meyer.

Ihre Zusammenbrüche seien immer durch Krisen ausgelöst worden, erzählt die große Frau mit dem „Psychopharmaka-bedingten Übergewicht“, wie sie sagt. Vor fast drei Jahren starb überraschend ihr Mann. „Als ich damals ins Krankenhaus musste, haben meine Kinder besonders gelitten. Sie wurden in Obhut genommen“, sagt Meyer und bekommt feuchte Augen. „Kidstime“ sei der einzige Ort, an dem die Jungen über ihre Situation reden könnten. „Das ist kein Schulhofthema.“

Gaby Meyer und Sonja Schmitt haben ähnliche Erfahrungen gemacht: „Wer psychisch krank ist, wird nicht ernstgenommen.“ Sie wünschen sich weniger Vorurteile. „Als Lea in der Grundschule war, war ich noch alleinerziehend und Hartz-IV-Empfängerin. Damit waren wir beide abgestempelt“, erzählt Schmitt. Jetzt ist sie verheiratet, ihr Mann geht zu den Elternabenden und Lea schreibt auf der weiterführenden Schule plötzlich gute Noten.

Kinder sehen ihre Eltern anders

Die Borderline-Störung ihrer Mutter steht für das Mädchen mit den langen braunen Haaren nicht im Vordergrund. „Mama ist viel cooler als andere Mütter. Sie fährt Waveboard, spielt "Pokemon Go" und tobt auf dem Spielplatz“, beschreibt Lea die 36-Jährige.

Äußerlich wirkt das Mädchen braver als seine flippige Mutter. „Mit meiner Krankheit habe ich sowieso einen Stempel weg“, sagt Sonja Schmitt lachend. Vielleicht hole sie an der Turnstange auf dem Spielplatz auch etwas nach. „Ich musste mit acht Jahren funktionieren. Ich war nie Kind.“

Autor

 Deutsche Presseagentur