Gesundheit / 10.12.2018

Wie die Seele bei Kindern den Körper beeinflusst

Hinter Bauchschmerzen, Kopfweh oder ständigem Harndrang bei Kindern muss nicht immer eine körperliche Erkrankung stecken.

Jugendliche mit Bauchschmerzen – Bildnachweis: gettyimages.de © SolStock

Bad Kreuznach (dpa/tmn). Ein Kind klagt jeden Abend über Bauchschmerzen. Das andere rennt ständig zum Pipimachen auf die Toilette, wieder ein anderes kann auf einmal nicht mehr gut sehen. Nicht immer haben solche Auffälligkeiten körperliche Ursachen. Dahinter kann auch die Seele stecken. Trotzdem tun Eltern gut daran, erstmal einen Termin beim Kinderarzt zu machen.

Zuerst organische Ursachen ausschließen

„Für uns als Kinder- und Jugendpsychiater gilt immer: Körperliche Ursachen ausschließen, erst dann an Symptome einer psychischen Störung denken und eine entsprechende Behandlung abwägen“, sagt Kinder- und Jugendpsychiaterin Beate Kentner-Figura, Chefärztin in einer Rehabilitationsklinik für Psychosomatik in Bad Kreuznach. Klagt ein Kind vermehrt über Bauchweh, sollte ein Arzt zuerst organische Ursachen ausschließen.

Und wenn er nichts findet? Bildet sich das Kind die Beschwerden dann ein? Nein, sagt Gunter Flemming, Oberarzt in der Kinder-Gastroenterologie der Universitätskinderklinik Leipzig. „Wichtig ist, dass man das nicht abtut. Denn die Patienten empfinden den Schmerz. Die Schmerzursache wird nur im Kopf falsch interpretiert.“

Angst oder Stress können sich körperlich manifestieren

Ärzte vermuten, dass Angst oder Stress durch die Aktivierung bestimmter Nervenbahnen Bauchschmerzen auslösen können. „Es findet sozusagen eine Projektion der Schmerzen in den Bauch statt. Ähnlich wie wenn man verliebt ist und ‚Schmetterlinge‘ im Bauch hat“, erklärt Flemming.

Eltern sollten den Fokus nicht auf die Schmerzen richten, sondern für Ablenkung sorgen und versuchen, das Kind aus der Situation, in der die Schmerzen auftreten, herauszuholen.

 

 

Den Schmerz an der Wurzel packen: Ursachen erkennen und beheben

Dabei gilt es genau hinzuschauen und zu überlegen, ob es etwas im Umfeld des Kindes gibt, was es ängstigt. Das können andere Kinder sein, die es ärgern oder ausschließen, bestimmte Lehrer, Erzieher oder eine Situation in der Familie.

Wer an der Ursache etwas verändert, beseitigt in vielen Fällen auch das Bauchweh. Eine große Hilfe kann schon sein, wenn Eltern ihrem Kind in angstmachenden Situationen den Rücken stärken.

Unser Gehirn interpretiert Reize manchmal falsch

Auch bei einem Reizdarm liegt keine organische Krankheit vor. Hier werden normale Dehnungsreize im Darm im Gehirn falsch interpretiert. Kinder und Eltern müssen letztlich lernen, damit im Alltag zu leben.

„Vielen hilft es schon zu wissen, dass in ihrem Körper nichts Schlimmes stattfindet, obwohl dieses Empfinden da ist“, sagt Flemming. Dass ein Fachmann gesagt hat: „Es ist organisch alles in Ordnung mit dem Magen-Darm-Trakt“, führe bei vielen bereits zu einer Verbesserung.

Negative Gedanken schaffen Raum für negative Empfindungen

Darüber hinaus gilt es, für Ablenkung zu sorgen. Je mehr sich das Kind auf den Schmerz konzentriert, umso mehr Raum bekommt er im Gehirn. Ablenkung verkleinert sozusagen die Bereiche, die den Schmerz wahrnehmen.

Auch vermeintliche Sehstörungen kommen bei Kindern vor. Klagt das Kind, dass es die Wörter an der Tafel nicht mehr lesen kann, führt der Gang zum Augenarzt. Was aber, wenn der keine Sehschwäche oder eine Erkrankung am Auge feststellen kann? Prof. Helmut Wilhelm hat jede Woche mindestens solch ein Kind in der Sprechstunde. Der Experte der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) ist Oberarzt an der Augenklinik Tübingen.

Einem erfahrenen Augenarzt fällt recht schnell auf, wenn ein Patient Angaben macht, die so nicht zutreffen können. „Es kann sein, dass ein Kind erstmal schlichtweg simuliert, um ein Versagen zu erklären oder einen Vorteil zu erreichen“, sagt Wilhelm. „Das kann sich so verfestigen, dass es gar nicht mehr weiß, dass es simuliert. Oder dass es ihm von vornherein nicht bewusst ist, dass es falsche Angaben macht.“

Psychische Ausweichmanöver: Flucht vor dem seelischen Konflikt in die Krankheit

Psychologisch gesehen steckt dahinter ein Konflikt, vor dem sich das Kind in eine Krankheit flüchtet. Das sind in den meisten Fällen innerfamiliäre Konflikte und Schulprobleme, oft bleiben die Gründe aber auch ungeklärt. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen.

Wichtig ist in solchen Fällen, dass Eltern ihr Kind ernst nehmen statt ihm vorzuwerfen, es wolle sie täuschen. „Was geschickt sein kann: Man macht eine Scheintherapie mit einem ganz harmlosen Medikament, um vielleicht auch dem Kind eine Brücke zu bauen, aus der Situation wieder herauszukommen“, rät Wilhelm.

Psychische Erkrankungen werden bei Kindern oft tabuisiert

Neben Sehstörungen und Bauchschmerzen können auch Kopfschmerzen und unerklärliche Hustenattacken psychisch bedingt sein. Gerade bei Kindern würden psychische Erkrankungen oft tabuisiert, bei psychosomatischen Beschwerden körperliche Ursachen gesucht und seelische Belastungen bagatellisiert, sagt Kentner-Figura.

Sie betont: „Kinder können, wenn sie zum Beispiel durch Stress in der Schule, mit Freunden oder in der Familie belastet sind, jede Art von körperlichen Symptomen im Alltag zeigen.“

Was Eltern tun können: Aufmerksamkeit, Zuwendung und Gelassenheit zeigen

Kentner-Figura rät Eltern, aufmerksam und zugewandt zu sein, und trotzdem zunächst gelassen zu reagieren. Kann eine körperliche Erkrankung ausgeschlossen werden, sollten Eltern entscheiden, ob sie professionelle Hilfe suchen. „Wenn man als Familie sagt: All unsere Lebensbereiche sind betroffen wegen der Symptome, besteht eine Behandlungsbedürftigkeit.“

In den meisten Fällen ist es dann sinnvoll, die Hilfe eines Kinder- und Jugendpsychiaters in Anspruch zu nehmen.

Autor

 Deutsche Presseagentur – Themendienst