Finanzen / 15.08.2019

Wie viel ist ein Bein wert?

Wie sehr beeinträchtigt es jemanden, ein Bein zu verlieren? Die Versicherungen berechnen den Invaliditätsgrad eines Unfallopfers mit der Gliedertaxe.

Bild zum Thema Wie viel ist ein Bein wert? - Mann mit Unterschenkenprothese beim Gehtraining am Barren.

Hamburg/Düsseldorf (dpa/tmn). Damit möchte keiner rechnen. Aber mitunter sind bei einem Unfall die Verletzungen so gravierend, dass der Betroffene Körperteile verliert. Auch Sinnesorgane oder innere Organe könnten dauerhaft nicht mehr funktionieren. Die private Unfallversicherung springt in so einem Fall ein – wie viel sie zahlt, richtet sich unter anderem nach der sogenannten Gliedertaxe.

Was genau ist diese Gliedertaxe?

Die Gliedertaxe ist eine Klausel in den Allgemeinen Unfallversicherungsbedingungen (AUB), die Bestandteil des Versicherungsvertrags sind. Damit bemessen private Versicherer den Invaliditätsgrad nach einem Unfall – bezogen auf den sogenannten „Gesamtkörper“.

„Von diesem Invaliditätsgrad hängt ab, in welcher Höhe eine Leistung auf Basis der vereinbarten Versicherungssumme ausbezahlt wird“, erklärt Claudia Frenz vom Bund der Versicherten (BdV) in Hamburg. Der Versicherer ordnet Gliedmaßen, Sinnesorganen und teilweise auch den inneren Organen für deren Verlust oder dauernde Invalidität feste Prozentsätze zu.

Sind die Bemessungswerte bei allen Anbietern gleich?

Nein. „Jeder Unfallversicherer bestimmt seine Gliedertaxe selbst“, erklärt Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Aber viele Versicherer richten sich nach Empfehlungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Danach gilt bei Verlust oder vollständiger Funktionsunfähigkeit eines Auges ein Invaliditätsgrad von 50 Prozent, bei einem Fuß von 40 Prozent. Der Verlust des Geruchssinns macht einen Invaliditätsgrad von 10 Prozent, des Gehörs auf einem Ohr von 30 Prozent und des große Zehs von 5 Prozent aus. Die Richtwerte des GDV sind Mindestempfehlungen. „Einige Versicherer legen höhere Werte in ihren Versicherungsklauseln fest“, sagt Weidenbach.

Was gilt bei Teilverlust?

Ein vollständig funktionsunfähiger Arm bedeutet einen Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent. Ist er um ein Zehntel in seiner Funktion beeinträchtigt, ergibt das einen Invaliditätsgrad von 7 Prozent – also einem Zehntel von 70 Prozent. „Abzüge gibt es auch dann, wenn Krankheiten oder Gebrechen am Verlust oder der Funktionsunfähigkeit mitgewirkt haben“, erklärt GDV-Expertin Beate Weiße. Ob und zu welchem Anteil das der Fall ist, stellt ein medizinischer Gutachter fest.

Wie berechnet sich letztlich die gezahlte Summe?

Ein Beispiel:

Angenommen, die Invaliditätssumme von 100.000 Euro wurde vereinbart. Nun ist ein Daumen der versicherten Person bei einem Unfall vollständig verloren gegangen oder zu 100 Prozent beeinträchtigt. Die vertraglich vereinbarte Gliedertaxe für Verlust oder Funktionsunfähigkeit des Daumens beträgt 20 Prozent.

Die Entschädigung beläuft sich auf 20 Prozent von 100.000 Euro, also 20.000 Euro. „Bei einer Gebrauchsminderung des Daumens von 50 Prozent wird von den genannten 20 Prozent nur die Hälfte, also 10.000 Euro, an Entschädigung gezahlt“, erklärt Weidenbach.


Addieren sich bei mehreren Verletzungen die Invaliditätsgrade?

Ja, wenn sie an unterschiedlichen Gliedmaßen auftreten, zum Beispiel rechtes Handgelenk, linkes Bein und ein Auge. Dann legt ein medizinischer Gutachter den Invaliditätsgrad für jede einzelne Verletzung fest. „Von jedem Invaliditätsgrad werden eventuelle Krankheiten oder Vorschädigungen abgezogen und dann die Ergebnisse addiert“, erläutert Weiße. Der Invaliditätsgrad kann aber nicht mehr als 100 Prozent betragen.

Sind unterschiedliche Stellen derselben Gliedmaßen dauerhaft verletzt, etwa bei Verlust des rechten Fingers, Versteifung des rechten Handgelenks und Beeinträchtigung des gesamten rechten Arms, legt der Versicherer den Invaliditätsgrad auf Basis des gesamten Armes fest. „Die einzelnen Verletzungen werden aber natürlich mit berücksichtigt“, so Weiße.

Wie hoch sollte die Invaliditätsgrundsumme sein?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. „Wichtig ist, sich individuell beraten zu lassen“, rät Weiße. Bei der Kalkulation sollte man die aktuellen Lebensverhältnisse und bereits bestehende Versicherungsverträge berücksichtigen.

„Bei Berufstätigen kann man sich an dem Alter und dem Einkommen orientieren“, sagt Frenz. Bei Frauen und Männern bis 30 Jahren sollte die Grundinvaliditätssumme ungefähr das Sechsfache des Bruttojahreseinkommens betragen, bei bis 40-Jährigen das Fünffache und bis 50-Jährigen das Vierfache.

Wie wichtig ist die Progression?

Vereinbaren Versicherer und Kunde bei Vertragsabschluss eine Progression, steigen die Versicherungsleistungen bei höheren Invaliditätsgraden deutlich an. Bei Vollinvalidität komme ein Vielfaches der Versicherungssumme zusammen, bemerkt Weidenbach.

Eine Progression von 225 Prozent bewirkt Folgendes: „Liegt der Invaliditätsgrad über 25 Prozent, verdoppelt sich die Invaliditätsgrundsumme“, erklärt Frenz. Bei einem Invaliditätsgrad von über 50 Prozent verdreifacht sich die Invaliditätsgrundsumme. Der BdV empfiehlt eine Progression von 225 bis 350 Prozent.

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst