Rente / 12.11.2020

Wirtschaftsweise fordern Rückkehr des Nachholfaktors

Berater der Bundesregierung: Ein solcher Schritt würde zur Überbrückung der konjunkturbedingten Schieflage beitragen.

Das Bild zeigt die Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

Berlin (sth). Angesichts der finanziellen Herausforderungen der Rentenversicherung durch die Corona-Pandemie haben sich die fünf Wirtschaftsweisen für eine "zeitnahe Wiedereinsetzung des Nachholfaktors" in der Rentenanpassungsformel ausgesprochen. Ein solcher Schritt würde zur "Überbrückung der konjunkturbedingten Schieflage beitragen", schreiben die Regierungsberater in ihrem am Mittwoch veröffentlichten Jahresgutachten. Der alternierende Bundesvorstandsvorsitzende der Deutschen Rentenversicherung, Alexander Gunkel, erklärte ebenfalls am Mittwoch bei einer Presseveranstaltung in Berlin auf Nachfrage, bei einem solchen Schritt würde die erwartete hohe Rentensteigerung im Jahr 2022 nur zur Hälfte umgesetzt.

Um die finanzielle Tragfähigkeit der Rentenversicherung langfristig zu stärken, sprechen sich die Wirtschaftsweisen für eine "stärkere Förderung der Erwerbstätigkeit, insbesondere unter Frauen und älteren Menschen" aus. Dies allein reiche aber nicht aus, so die Wissenschaftler. Noch wichtiger sei eine "Aufteilung der durch die gestiegene Lebenserwartung gewonnenen Lebenszeit auf Erwerbs- und Rentenbezugszeit". Erreicht werden könne dies über eine "feste Kopplung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an die fernere Lebenserwartung", fordern die offiziell als "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" bekannten Ökonomen.

EU- und BU-Versicherungen sollen Ältere besser absichern

Erwerbsunfähigkeits- und Berufsunfähigkeitsversicherungen sollten dafür sorgen, dass Ältere besser abgesichert sind, wenn ihre Erwerbsfähigkeit gefährdet ist, verlangen die Wissenschaftler. Bei einer vollständigen Erwerbsminderung sollten Arbeitnehmer zudem „entsprechend abgesichert werden, um den verlängerten Zeitraum bis zur Regelaltersgrenze überbrücken zu können“. Diese Forderung überrascht insofern, als bereits seit Anfang vergangenen Jahres die sogenannte Zurechnungszeit in der Rentenversicherung gesetzlich bis zur Regelaltersgrenze verlängert wurde. Dadurch wird die Versicherungszeit Betroffener schon jetzt rechnerisch bis zu einem Alter von knapp 66 Jahren ausgedehnt.

Schließlich fordern die Wissenschaftler, die Kosten der in zwei Schritten eingeführten und ausgebauten Mütterrente, der sogenannten Rente ab 63 und der ab 2021 kommenden Grundrente nicht den Beitragszahlern aufzubürden. Als „zielgerichtete und nachhaltigere Maßnahmen gegen Altersarmut“ sehen sie zudem eine bessere Integration sozial benachteiligter Beschäftigter in den Arbeitsmarkt, die Förderung „lückenloser Erwerbsbiografien sowie verbesserte frühkindliche, schulische und berufliche Bildung“.

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Autor

Stefan Thissen