Rente / 26.10.2020

Wissenschaftler wirbt für Lebenserwartungsfaktor

Ökonom Raffelhüschen spricht sich für eine langfristig gleichbleibende Verteilung von Erwerbszeit und Zeit des Rentenbezugs aus.

Bild zum Beitrag "Wissenschaftler plädiert für Lebenserwartungsfaktor". Das Bild zeigt ein Porträtfoto des Freiburger Ökonomen Bernd Raffelhüschen.

Bad Homburg (sth). Für die Einführung eines "dynamischen Lebenserwartungsfaktors" in die Formel für die jährliche Rentenanpassung hat sich der Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen ausgesprochen. In einem Beitrag für die Zeitschrift "Wirtschaftsdienst" begründet der Altersvorsorgeexperte sein Plädoyer mit dem Ziel, eine "nachhaltige und damit intergenerativ gerechte Finanzierung" der gesetzlichen Rentenversicherung zu erreichen. Um dies zu erreichen, sei ein langfristig "konstantes Verhältnis aus Beitragsdauer und Rentenbezugszeit" notwendig, so Raffelhüschen.

Zu diesem Zweck müssten Veränderungen der sogenannten ferneren Lebenserwartung von Geburtsjahrgang zu Geburtsjahrgang zwischen Rentenbezugszeit und Erwerbszeit gleichmäßig aufgeteilt werden, erläutert der Wissenschaftler. Die seit 2012 schrittweise eingeführte Rente mit 67 – die sich in vollem Umfang erstmals im Jahr 2031 für den Jahrgang 1964 niederschlägt – entspreche in ihrer Wirkung dabei "in etwa der Einführung des Lebenserwartungsfaktors".

Rente mit 67 belastet Geburtsjahrgänge ungleichmäßig

Wegen der für die Jahrgänge ab 1959 schnelleren Anhebung der Altersgrenze werde der Anstieg der Lebenserwartung allerdings "nicht gleichmäßig über die Jahre verteilt", so Raffelhüschen. Die von 1947 bis 1958 geborenen Jahrgänge würden beim Renteneintritt "folglich bessergestellt als die nachfolgenden Jahrgänge". Eine solche Ungleichbehandlung würde durch die "Anpassung des Renteneintrittsalters mittels Lebenserwartungsfaktor zukünftig vermieden", wirbt der Forscher für seinen Vorschlag.

Im Falle einer langfristig konstanten allgemeinen Lebenserwartung rechnet Raffelhüschen nach dem Jahr 2050 anhand seines Modells auch mit einem gleichbleibenden Renteneintrittsalter von 67 Jahren und zehn Monaten. Sollte die Bevölkerung in Deutschland aber auch in den nächsten Jahrzehnten im Schnitt noch deutlich älter werden, erwartet der Experte für Generationenbilanzen für Neurentner des Jahres 2076 erstmals die "Rente mit 70". Dies allerdings nur, wenn die Bürger dann hierzulande im Schnitt bereits "fast 93 Jahre alt" würden, stellt Raffelhüschen klar.

Derzeit enden Rentenzahlungen an Versicherte mit eigenem Rentenanspruch nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung im Durchschnitt mit etwa 80 Jahren, an Hinterbliebene mit knapp 85 Jahren. 

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Autor

Stefan Thissen