Finanzen / 13.09.2018

Zehn Jahre Lehmann-Pleite und die Folgen

Vor zehn Jahren ging die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite. Auch deutsche Privatanleger verloren damals viel Geld. Gab es Lehren aus der Pleite?

Düsseldorf (dpa/tmn). Am 15. September 2008 herrscht an der Wall Street Weltuntergangsstimmung. Die Kurse an der Börse brechen ein. Der Grund: Lehman Brothers, eine der größten Investmentbanken der Welt, muss Insolvenz anmelden. Es geht um Verluste in Milliardenhöhe.

Beherrschbares Risiko?

„Viele dachten bis dahin, das Risiko sei beherrschbar“, erinnert sich Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Doch durch die enge Vernetzung im Finanzsystem hatten fast alle Banken mit verbrieften Immobilienkrediten gehandelt.“ Im Zuge der US-Immobilienkrise wurden diese wertlos, viele Banken gingen pleite. „Das hatte es in diesem Ausmaß vorher nicht gegeben.“

Krise traf weltweit viele Privatanleger

Die Pleite von Lehman löste eine schwere globale Krise aus. Sie traf nicht nur Großinvestoren weltweit, sondern auch rund 50.000 deutsche Privatanleger. Viele von ihnen hatten die Zertifikate der niederländischen Lehman-Tochtergesellschaft gekauft. Diese Papiere galten als sicher und ertragsstark - bis zur Pleite.

Emittentenrisiko war vielen nicht klar

Was den Anlegern nicht klar war: Wer Zertifikate kauft, trägt im Fall einer Pleite das Emittentenrisiko. Das bedeutet, dass Anleger ihre Ersparnisse bei einer Insolvenz des Wertpapierherausgebers komplett verlieren können. Die Verbraucherzentralen hatten damals eine Hotline geschaltet. „Aus ganz Deutschland riefen die Leute an und erzählten, dass ihr Geld weg ist“, erzählt Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen. „Viele heulten am Telefon.“

Gesetzesänderungen zum Schutz der Anleger

Doch seitdem hat sich einiges getan. Auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene gab es eine Reihe von Gesetzesänderungen. Erst im Januar trat die zweite europäische Finanzmarktrichtlinie, kurz MiFID II, in Kraft.

Die Regelungen sehen unter anderem vor, dass Finanzberater ihre Kunden darüber aufklären müssen, warum sie ihnen ein bestimmtes Produkt vorgeschlagen haben – und zwar schriftlich.

Aus Sicht der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) ist der Anlegerschutz insgesamt besser geworden. In der Tat sind vor allem die Aufklärungspflichten strenger geworden seit 2008. Denn Bank- und Finanzberater müssen Beratungsgespräche mit Kunden nun protokollieren sowie Kunden Produktinformationsblätter (PIB) aushändigen.

Regulatorischer Flickenteppich

Regulatorisch sei Deutschland ein Vorreiter in Europa, erklärt der Dachverband. Ganz zufrieden ist die Branche dennoch nicht: Es sei ein regulatorischer Flickenteppich mit unterschiedlichen Informationsblättern etwa für Aktien, Fonds, Anleihen entstanden, der für Anleger und Kreditinstitute kaum noch zu überblicken sei, kritisiert die DK.

Das sehen auch manche Praktiker so: Für Privatanleger habe sich im Prinzip nicht viel geändert, findet etwa Vermögensberater Frank Wieser. „Er bekommt jetzt Unmengen mehr Papier und Informationen, der Anlegerschutz hat sich aber nicht entscheidend verbessert“, sagt der Geschäftsführer der PMP Vermögensmanagement.

PIB seien nicht immer sinnvoll. „Neben einem enormen Aufwand für die Erstellung und Dokumentation solcher Blätter, besteht immer die Gefahr, dass ein reines Aushändigen solcher Informationen eine gute Beratung ersetzt.“

Und auch Verbraucherschützer Mai übt Kritik: „Es gab eine Flut an Gesetzen und Papieren, darunter waren wenig Meilensteine“, sagt er. „Zwar hat sich im Vertrieb von Finanzprodukten einiges verändert, jedoch wenig an den Strukturen.“

Vertrauen der Anleger nachhaltig erschüttert

Bei den Anlegern selbst hat die Finanzkrise allerdings Spuren hinterlassen. Das Vertrauen in die Finanzmärkte wurde bei vielen erschüttert. „Die Anleger sind risikobewusster geworden“, sagt Lothar Koch, Finanzberater bei Spee Asset Management AG in Düsseldorf. Dies sei bei vielen direkt in ein generelles Misstrauen in die Finanzbranche und den Aktienmarkt umgeschlagen. „Vielleicht ist das ja auch gar nicht so schlecht, wenn dadurch Verbraucher kritischer und risikobewusster agieren“, sagt Mai.

Früher hätten viele zum Teil blindlings Verträge unterschrieben und ihren Bankberater als Vertrauensperson angesehen. Nun beobachtet der Verbraucherschützer: „Die Menschen fragen viel kritischer nach. Oft kommen sie mit bestehenden Verträgen und fragen: Was kann ich tun?“ Zum Teil sei dadurch die Beratung detaillierter und komplizierter geworden. „Viele Verbraucher haben sich aber auch oft schon vorab gut informiert und kommen nur noch mit Detailfragen“, erzählt Mai.

Experten raten: Nur in Dinge investieren, die man auch versteht

Sein grundsätzlicher Rat: „Investieren Sie nur in Dinge, die Sie auch verstehen.“ Vor jeder Investition sollte man sich genau erkundigen, mehrere Angebote einholen, die PIB vergleichen und das Beratungsprotokoll aufmerksam durchlesen. Dort steht unter anderem, welches Risiko ein Anleger bereit ist, einzugehen. Die Angaben sollten mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmen.

Laut DK sollte das Verständnis bei jedem Privatanleger verankert sein, dass eine hohe in Aussicht gestellte Rendite grundsätzlich höhere Risiken birgt als ein Produkt mit geringerer Gewinnerwartung.

Letztlich liegt es auch in der Hand der Anleger, sich aktiv um die Themen Altersvorsorge und Geldanlage zu kümmern: sich informieren, Rat holen, ein Risikobewusstsein entwickeln – genau das gehört laut Mai zum mündigen Bürger.

Und auch Koch sagt: Wenn Anleger sich bewusst mit den Kapitalanlagen auseinandersetzen und dafür Zeit nehmen, ist schon einiges gewonnen. „Denn mit bewusst agierenden und mitdenkenden Kunden hätten es Finanzvertriebe, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind, deutlich schwerer.“

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst