Rente / 26.01.2018

Zuwanderer lösen Probleme nur teilweise

Wissenschaftler einig: Deutschland braucht langfristig Ausländer - doch auch sie werden die demografische Herausforderung allein nicht bewältigen.

Berlin (sth). In den kommenden Jahrzehnten stehen die Systeme der Alterssicherung in Deutschland vor einer Herkules-Aufgabe. Die geburtenstarken Jahrgänge treten spätestens ab Mitte der 2020-er Jahre verstärkt in den Ruhestand, während eine - sehr wahrscheinlich - sinkende Zahl von Erwerbstätigen die Rentenansprüche der in den Wirtschaftswunder-Jahren geborenen Frauen und Männer befriedigen muss. Eine Situation, die bis vor wenigen Jahren auch die Bevölkerungsforscher einhellig in Alarmstimmung versetzte. Doch die verstärkte Zuwanderung seit Ende des vergangenen Jahrzehnts, insbesondere aus Ländern Ost- und Südosteuropas, könnte der von manchen Seiten befürchteten Überforderung der gesetzlichen Rentenversicherung zumindest entgegenwirken. In dieser Einschätzung waren sich etwa 120 Experten aus Rentenversicherung, Wissenschaft und Verbänden am gestrigen ersten Tag der Jahrestagung des Forschungsnetzwerks Alterssicherung (FNA) in Berlin einig.

Der Bochumer Ökonom und Demografieexperte Martin Werding brachte die Bedeutung der Tagung und des FNA zu Beginn seines Vortrags über die Bedeutung von Zuwanderung für die deutsche Alterssicherung auf den Punkt: "Ich finde es großartig, dass es dieses Forschungsnetzwerk gibt und es hier möglich ist, die verschiedenen Aspekte eines wichtigen Zukunftsthemas aus verschiedenen Seiten zu beleuchten", lobte Werding. Seine eigene zentrale These bei der zweitätigen Konferenz über "Migration und Mobilität als Herausforderungen für soziale Sicherung": Eine Zuwanderung, die mit einer hohen Erwerbsquote der Migranten verbunden ist, sei für ein Rentensystem wie die gesetzliche Rentenversicherung "eindeutig günstig", sagte Werding. Dies gelte "erst recht" angesichts des laufenden demografischen Wandels.  

Zuwanderungsgewinne günstig für Beitrags- und Rentenniveau

Angesichts der inzwischen aus dem Bundessozialministerium (BMAS) vorliegenden Szenarien für den Rentenbeitrag und das Rentenniveau bis zum Jahr 2045 machte der Bochumer Wissenschaftler anhand eigener Berechnungen deutlich, warum eine Zukunft ohne Migranten für das deutsche Rentensystem ungünstig wäre. Nur mit einer anhaltend stärkeren Zu- als Abwanderung ließe sich der von den möglichen Regierungsparteien angedachte langfristig akzeptable Rahmen für den Beitragssatz und das Rentenniveau umsetzen, so Werding. Die positiven Effekte seien aber nur "dauerhaft, wenn eine höhere Migration kontinuierlich bleibt". Aber selbst dann könne Zuwanderung die Auswirkungen des demografischen Wandels für die Rentenfinanzen "nur mildern, aber nicht beseitigen", erklärte der Sozialökonom.

Auch die Bedeutung von Zuwanderung für kapitalgedeckte Altersvorsorgesysteme im demografischen Wandel nahm Werding in den Blick. Zwar seien Lebensversicherungen und Pensionsfonds von der Veränderung des Altersaufbaus in der Bevölkerung weit weniger betroffen als ein umlagefinanziertes Rentensystem. Zuwanderung habe für diese Systeme aber auch "kaum günstige Effekte", sagte der Forscher aus dem Ruhrgebiet. Eine begrenzt wirksame Möglichkeit zur Stabilisierung des Rentensystems unter den derzeitigen Rahmenbedingungen könnte aus seiner Sicht aber in einem "Umlagesystem mit kollektiven Demografiereserven" bestehen. Ein Vorschlag, der angesichts der aktuell hohen Rücklage bei den Rentenversicherern und der schon jetzt kostspieligen Rentenpläne der möglichen großen Koalition manchen Politiker zu einem noch weiter gehenden Griff in die Rentenkasse ermuntern könnte. 

Mehr zum Thema:

www.fna-rv.de

Link zum Programm der FNA-Jahrestagung 2018

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Autor

Stefan Thissen